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Piano (wo)man

Als das Klavier von nebenan sich hören lässt, erschrecke ich: So spät kann es doch noch nicht sein? Aber es ist so spät, fünf Uhr, und ich habe das Gefühl, den Tag verschlampt zu haben. Dabei stimmt das gar nicht: Viele Telefonanrufe, viele Emails, vieles organisiert und einiges geklärt. Nur halt kein konkreter Output, und ohne den fühle ich mich immer, als hätte ich nicht wirklich etwas getan.

Das Klavier ungewohnt dramatisch heute, die mollige Wucht klingt mir nach Tschaikowski, ohne dass mir das gespielte Stück bekannt wäre. Es ist ein bisschen ein Mysterium, dieses Klavier, manchmal höre ich es tage- oder gar wochenlang nicht, dann wieder täglich verlässlich um fünf, manchmal zwischendurch um sieben, niemals nach acht. Es klingt immer sehr gekonnt, nicht nach jemandem, der gerade lernt oder ein Stück probt. Gespielt wird fast immer nur ein Stück, immer nur einmal, selten Kurzes, häufig Längeres. Ein Lieblingskomponist lässt sich auch nicht ausmachen, manchmal klimpert es locker-mozartig dahin, dann wieder gibt es sich getragen beethövlich. Nur ein einziges Mal hat es bislang die Pfade der Klassik verlassen.

Mir gelingt es nicht richtig, das Leben zu imaginieren, dessen Hände dem Klavier seinen Klang entlocken. Musiker*innen würden wohl auch einmal länger üben als kaum eine halbe Klavierstunde lang, Nicht-Musiker*innen wären wohl nicht in jedem Genre so sicher in Melodie, Dynamik und Timing.

Vielleicht ist es ja die Wohnung einer ehemaligen Klavierlehrerin, die ihre ehemaligen Schüler*innen, heute erfolgreiche, wenn nicht gar berühmte Pianist*innen, zum 5-Uhr-Tee einlädt und von jeder und jedem eine Darbietung aus dem aktuellen Programm verlangt, bevor sie bei Tee und Biskuits Geschichten aus ihrem weltreisenden Leben erzählen. Würde ich mehr von Klassik und Klavier verstehen, dann würde ich diesen Roman vielleicht schreiben; lieber aber würde ich ihn lesen: Am liebsten geschrieben von John Irving (der heuer 80 wurde und uns – hoffentlich – nach langem wieder mit einem Werk beglücken wird. Quelle: FAZ).

Und dazu fällt mir jetzt „Lisas Zimmer“ wieder ein, ein Werk, das ich mit 20 eher mehr auswendig gelernt als nur mehrfach gelesen habe. Wohin das zerlesene Exemplar verschwunden ist, bleibt unklar, lieferbar ist es auch nicht mehr, vielleicht bestelle ich mir ein Flohmarkt-Exemplar, um besser zu erinnern, was mich damals so fasziniert hat. Wobei ich zumindest in der Erinnerung gewisse Parallelen zu meinem Hexenhöhlchen erspüre, in dem ich mich auch ein bisschen vor der Welt verstecke, zumindest von deren kriegerischen und aggressiven Seiten.

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