Dämmerwelt

Fahren, auf der Anderswelt-Autobahn, Dauer-Dämmerung. Wohl auf dem Weg zu einem Gig, von einem Gig. Nicht die, mit denen ich spiele, sondern die, mit denen ich spielte, hätte ich aus jeder meiner Lebensphasen die Allerbesten mitgenommen.

Jemand gibt mir ein Zitronenzuckerl, das alt und feucht ist, jemand versucht, eine Kassette abzuspielen, deren Band viel zu verknittert ist dafür; das musst du vorher bügeln, sage ich ihm.

Schräg in einem weitläufigen Tunnel steht der andere Wagen; A hockt davor und hält H im Arm, er ist tot, wiederholt er immer wieder; es ist nicht zu fassen, es gibt nichts zu tun, eine abstruse Geschichte von einer klappernden Hintertür, die geschlossen werden sollte und stattdessen ganz aufging, hinausgefallen, Lastwagen, tot. Wir alle lagern im Kreis und jeder will den Toten berühren, als könnten wir ihn auferstehen lassen mit dem Leben, das durch unsere Hände fließt, aber es nützt nichts, und irgendwann kann ich es nicht mehr ertragen und gehe.

Hier ist nichts außer Autobahnab- und -auffahrten, Zubringer, es ist, als würden sich alle Autobahnen hier ständig kreuzen, aber keine Stadt, keine Häuser, keine Menschen: nur Niemandsland mit Staub und Disteln. Auch keine Autos auf den vielen Fahrstreifen, und die Sonne geht nie auf, und ich denke dass ich traurig sein sollte und weinen, aber ich bin nur leer.

Unter einem Brückenpfeiler sitzt S und versucht, ein Würstchen zu grillen über einem Feuer aus vertrocknetem Distelwerk, das geht nicht, die Stauden verpuffen zu schnell. Da bist du ja, sagt er, die anderen sind schon weg, wir verpassen noch unseren Auftritt. Wie kannst du an den Auftritt denken, wenn H tot ist, frage ich. Tot, wieso tot? sagt H, der plötzlich neben mir steht. Ich falle ihm um den Hals, sehr glücklich, und bin nicht einmal besonders verwundert dabei. Hinter dem Brückenpfeiler hervor kommt D, er zieht sich die Hose hoch und sagt: Hast du es noch nicht begriffen, hier kann man sterben so oft man will und wird doch ewig leben.

Sie lachen und S sagt: Das gibt ein tolles Plattencover, mit dem toten H, und sie lachen noch mehr, und ich bin sehr wütend über dieses rohe Lachen, obwohl ich weiß, dass es nur eine hilflose Art ist, mit dem nicht Begreiflichen umzugehen. Wenn es nur endlich hell werden würde, sage ich; oder wenigstens dunkel, sagt H. Wir werfen mehr trockene Disteln ins Feuer und warten auf den Bus.

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