Es ist wieder Zeit für deutlich mehr Schritte, denke ich, schaue hinaus ins Eisheiligen-Kühl und habe schon wieder keine Lust mehr. Aber keine Bewegung ist auch keine Lösung, nach ein bisschen Feiertags-Chillen mache ich mich auf den Weg.
Gleich in der Nachbarschaft gibt es traurige und mystische Nachrichten. Und herzhaft leidende.


Ich nehme den Weg obenrum, weil sich der gerade Weg zum Ziel (das ich brauchte, um mich vor die Tür zu schleppen, es ist der Hauptbahnhof) keine 10.000 Schritte ergeben würde. Der zweite Vorteil: Es sind bislang nicht oder kaum beschrittene Gegenden. Ich bin schon wieder am Balkone-Schauen, es gibt auch unorthodox sympathische.

Zudem sympathische G’stättn, wobei die Balkone im rechten Haus an Attraktivität verlieren werden, wenn die G’stättn zum Bauprojekt wird, was sie definitv bald wird.

Vertraute und wundersame Dinge grünen und blühen.






Wundersam auch manch anderer Anblick, was ist das bitte für ein Mini-Ausguck, angesichts der sauberen Fenster offenbar genutzt, über dem eigentlichen Haus? Entzückend!

Auch interessant: Die holzschnittartige Wandkunst an einem ansonsten modern wirkenden Gemeindebau.

Ich mag auch sehr die weißen und lila „Bubbles“, die offenbar zu den heurigen Highlights des Stadtgartenamts zählen.

Ich weiß nicht, ob es mir gelungen ist, das fotografisch entsprechend einzufangen, aber in echt haben sie die leichte, spielerische Anmutung von Seifenblasen. („Zierlauch“, wenn sich die Google-Bildersuche nicht irrt.)

Am Hauptbahnhof Enttäuschung: Die Heberer-Apfeltorte, die ich als Belohnung für den vorsätzlich weit gewählten Weg auserkoren hatte, ist ausverkauft. Naja, auch egal, denke ich, es war eh ein konstruiertes Ziel. Ein Cappuccino tut’s auch. Den trage ich in den Gastgarten vom McDonalds, weil es gerade zu tröpfeln beginnt und nirgends sonst Schirme stehen. Einen Kaffee lang betrachte ich das bunte Leben, große Kontraste zwischen Songcontest-Enthusiast*innen, Obdachlosen und unauffälligen Wiener*innen. Eigentlich hätte ich ja noch zu Fuß zurück nach Hause gehen wollen, aber der Regen wird stärker, und ich bewege mich in Richtung Straßenbahn. Die Zehntausend hab ich eh schon.
Am unterirdischen Straßenbahnsteig zwei Jungs, die einen offenbar sehr schweren Hometrainer schleppen. An der Wand lehnen zwei Wiener-Linien-Securities und schauen gelangweilt in die Gegend. Als die beiden Lastträger auf ihrer Höhe sind, sagt einer: „Mocht’s Radln dran, dann geht’s leichter!“ – Grantige Blicke. Ich warte gespannt auf eine ähnlich wienerische Replik, aber es kommt keine.
Als ich aus dem Tunnel raus nach der Straßenbahn Ausschau halte, scheint draußen schon wieder ein bisschen Sonne unter den dunklen Wolken.

Liminal Space, denke ich, wie ich es oft denke, seit mir das Wort vor einem halben oder dreiviertel Jahr erstmals untergekommen ist. Liminal Spaces sind, paradoxerweise, die Orte, an denen ich mich völlig zufrieden und entspannt fühle. Das wär auch mal was für eine Therapiestunde. Andereseits kann ich ja auch mal was genießen, ohne ständig alles zu hinterfragen.
Abends, als ich nochmals ausrücke, weil zum High-End-Gulasch aus dem Glas die unverzichtbare Semmel fehlt, geht am Gang kein Licht an. Seltsam, denke ich, während ich darauf warte, dass sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnen, damit ich unfallfrei die Treppe hinunter komme. Draußen die Straßen, regennass, bittschön: Es ist ja gut, dass es regnet, aber muss es deshalb gleich wieder so kalt werden?
Der Weg zur Tankstelle ist mit roten Ampeln gepflastert, und in der Tankstelle ist großes Drama. Eine italienische Familie ist hier gestrandet, Vater, Mutter und 2 Halbwüchsige, das Auto springt nicht mehr an, der Telefonakku ist leer, und sie müssen dringend zum Public Viewing vom Song Contest, weil dort die Verwandtschaft wartet. Das alles habe ich verstanden, während der Tankstellenmensch noch in seinem Handy nach der Übersetzungsapp sucht, nicht weil ich so gut in italienisch bin, sondern weil die vier – vor allem die Mutter – sich wirklich bemühen, in allen möglichen Sprachen ihr Missgeschick zu erklären, nur deutsch ist halt nicht dabei. Ich biete erstmal mein Handy zum Telefonieren an, aber ach, niemand weiß die Nummer von der Verwandtschaft auswendig. Eine Steckdose müsste es doch in der Tankstelle geben, der Angestellte ist bemüht, aber die Gestrandeten fürchten, dass das mit dem Aufladen zu lange dauert. Welches Public Viewing denn? Frage ich, „Rataspatz“ lässt sich recht schnell als Rathausplatz identifizieren. Meine Befürchtung, dass sich auf dem vermutlich stark besuchten Rathausplatz die Verwandtschaft schwer finden lassen wird, ist nicht so einfach zu kommunizieren, sie wollen dort einfach hin. Während die zahlreich anwesende lokale Jugend hilft, das Auto von der Zapfsäule auf den Parkplatz zu schieben, fragt mich die Mutter aus, wie man denn hier an ein Taxi kommt und was das kosten könnte. Ich gebe die Frage an den Tankstellenmann weiter, der zweifelnd den Kopf wiegt. Ein Taxi, heute? Er telefoniert und gibt eine Schätzung von zwanzig Minuten zurück. Mich wundert das, an diesem regnerischen Abend, aber ich bin in den ESC-Enthusiasmus nicht so involviert. Sie könnten auch die Straßenbahn nehmen, denke ich, der 1er fahrt eh direkt zum Rathaus. Aber was heißt Straßenbahn auf italienisch? Tramway kommt offenbar irgendwie hin. Ich bin so involviert, dass ich beinahe vergessen hätte meine Semmel zu kaufen, bevor ich die vier zur Haltestelle führe. Während ich noch kurz das mit dem Ticket erkläre, fährt die Straßenbahn schon ein. Der Vater lässt alle den Haltestellennamen wiederholen, vermutlich damit sie zum Auto zurückfinden.
Das war ja fast wie früher, denke ich, während ich mein Semmerl die restlichen paar Schritte nach Hause trage, positive Problemlösungsenergie von allen Seiten. Ich hoffe wirklich, sie haben die Verwandtschaft dann gefunden.
Und mein Gulasch hat auch noch geschmeckt.
@mailuefterl Die Dualität von Hometrainer und Italienern. Das Leben konstruiert menschliches Sozialverhalten schon sehr kreativ. 👍
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