Unwetter und Liebesleben

Im Traum umarme ich zwei alte Freunde aus purer Begeisterung über ein Musikstück. Mit wem bist du jetzt eigentlich zusammen? fragt ein anderer, es klingt irritiert. Mit niemandem, sage ich, ich halte mich gut selber aus. Im Aufwachen spüre ich dem Setting nach, es war irgendwie kubanisch, gleißende Sonne, bröckelnde weiße Gebäude, aber voller Lebensfreude.

Kaffee und Joghurt zum Frühstück, die Birne schmollt steinhart weiter. Brauche ein Stück bunte Welt, bevor ich in die Tasten greife, und ziehe eine Tarotkarte, obwohl ich das sonst nur an Müßiggang-Tagen mache. Es sind die Liebenden. Das tät mir jetzt grad noch fehlen, sage ich zum Universum. Nicht.

Ich tauche ab in die Arbeit. Private Kommunikation vermeide ich am Telefon wie im Chat, die unumgänglichen Gespräche halte ich kurz und oberflächlich. Nicht, dass ich an die Macht der Karten glauben würde, aber man kann nie vorsichtig genug sein.

Als draußen Blitz und Donner aufkommen, flüchte ich aus dem Elfenbeintürmchen. Etwas sagt mir, dass ich eine Wasser- oder sonstige Katastrophe gerade überhaupt nicht aushalten würde. Ich bummle ein bisschen in nahegelegenen Geschäften ohne Kaufabsicht, stelle mich dann gut geschützt in eine Durchgangsgarage. Früher habe ich Gewitter geliebt, die mächtigen dunklen Wolken, die malerischen Blitze, das dunkle, bassige Grollen, das man bis in die Magengrube spürt. Die brüchige Wohnung hat mir das ausgetrieben. Ich denke an meinen Vater, der mit mir als Kleinkind am Fenster des Elternhauses stand und mir erklärte wie das alles zusammenhängt mit dem Blitz und mit dem Donner, dass (und auf welche Weise) man vorsichtig sein soll, aber keine Angst haben muss, und wie mächtig schön die Gewitterlichtspiele doch sind. Viel später hat er mir erzählt, dass er selbst immer Angst vor Gewittern hatte, und dass er sich mit mir ans Fenster gestellt hat, damit ich diese Angst nicht haben muss. Seltsame Kreise, die das Leben zieht.

Aber meine Wohnung und ganz Wien hat auch diesmal Glück gehabt, anderswo tennisballgroßer Hagel, in Tschechien gar ein schlimmer Tornado.

Frühabends klingelt eine ganz alte Freundschaft durch, das ist aus vielen Gründen definitiv unverfänglich, darauf kann man sich einlassen. Nach intensiven Themen noch ein paar lose Enden, „was macht das Liebesleben?“, fragt es schließlich aus dem Hörer. „Nichts.“ sage ich. „Willkommen im Club!“ – „Mir fehlt nichts“, sage ich.

Leicht unwillig aber doch noch gearbeitet bis zur ZiB2, etwas. Anstatt zuzuhören, spüre ich dem Tag nach. Vielleicht werde ich einfach alt und wunderlich, denke ich. Schade, dass auch in der neuen Wohnung kein Platz sein wird für die fünf Katzen, die meinem Beziehungsstatus angemessen wären.

Als es endlich kühler wird, gehe ich bald ins Bett. Aha, sage ich zum Vollmond, der übers Dach gegenüber steigt, du bist das also. Hätten wir das auch geklärt.

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