Stuttgart

6. Juli 2022

Aus Gründen, von denen anderswo noch zu lesen sein wird, nach Stuttgart geflogen. Hatte im Vorfeld recherchiert, ob der Flug nicht durch eine Zugfahrt ersetzbar wäre, aber die Verbindungen passen so gar nicht zu den Terminen. Anstatt des geplanten Frühstückskaffees auf der entzückenden Flugzeug-Terrasse des Stuttgarter Flughafens werde ich gleich abgeholt.

Das Programm ist spannend, die Stadt und die Umgegend so ganz anders, als ich sie mir vorgestellt hätte. Anstatt altbackenem Schwarzwald-Flair modernes Stadtleben, streckenweise gar mit Berlin-Anklängen. Nebenbei erfährt man Dinge, die vielleicht auch mehr Aufmerksamkeit verdient hätten; „das einzige Windkraftwerk der Region“ auf dem einzigen Hügel der flachen Gegend (letzteres meine Interpretation), warum gibt es nicht mehr davon?

Amüsant, der verblüffte Anruf: „Bist du weggeflogen?“, dem ich eine gewisse Sorge um die fertigzustellende Arbeit anhöre. Hätte tatsächlich Lust, das Missverständnis ein Weilchen stehen zu lassen, aber so bin ich halt auch wieder nicht.

Beim Abendessen mit Cocktails geduscht, die Kellnerin war angerempelt worden und das Tablett kippte in meine Richtung. Fortan umschwebte mich ein sanfter Himbeerduft und die Verwunderung der Veranstalter, dass mich das nicht besonders aufregt. Aber was hätte meine Aufregung schon geändert? Ein trockenes Hemd war ja nur einen kurzen Spaziergang entfernt; der Cocktail schmeckte danach auch so gut, wie er roch. Unterwegs über die Verbindung zwischen Auslandsbeziehungen und Biergarten nachgedacht. Das könnte eine hervorragende Idee sein. Aber auch eine katastrophale.

Nach dem Ende des offiziellen Teils noch das ehemalige Operndach betrachtet, das jetzt als Mahnmal gegen den Klimawandel dient. Künstlerisch starkes Statement. Das Stuttgarter Nachtleben wirkt bunt und lebendig, sowohl in den Lokalen als auch in den Parks. Wäre ich nicht um halb fünf aufgestanden, hätte ich große Lust gehabt, es zu erkunden.

Morgens ein schneller Selfie und ein Spiegelblick im Hotelzimmer, als Frühstück reicht ein Kaffee, der Vormittag wird ohnehin kulinarisch wertvoll.

Per SMS gewarnt, dass das Checkin am Flughafen länger dauern könnte, fahre ich früher hin als normalerweise. Unterwegs begegnet mir noch ein Reiserock, den ich gleich anbehalte, weil die Jean viel zu warm ist. Die Warnung war unbegründet; ich bin in 10 Minuten durch die Security und habe dann zwei Stunden totzuschlagen. Vielleicht seltsam, dass ich dafür ausgerechnet eine österreichische Literaturzeitschrift kaufe, aber das Wespennest hatte ich schon lange nicht mehr in der Hand. Einem kleinen Hüngerchen begegne ich mit einer sauteuren Weißwurst, ein Rundumblick im Lokal zeigt, dass ich trotz hellichten Nachmittags die einzige bin, die kein Weißbier dazu trinkt.

Dann nur mehr sitzen und (lesend) warten. Auf der Bank gegenüber sitzt eine Frau, der Rucksack auf dem Sitz daneben, auf dem Rucksack schläft ein Kind, vielleicht vier, fünf Jahre alt. Sofort ein Leben dazu im Kopf und das Bedürfnis, einen John-Irving-Roman darüber zu lesen.

Im Flieger die leicht grantelnde Stimme des Kapitäns, man müsse auf den Slot zum Abheben eine gute Stunde warten. Im Gegensatz zu gelesenen Horrorgeschichten ist das aber halb so schlimm; Die Flugbegleiterinnen schenken Getränke aus, auch die Toiletten sind nicht abgesperrt, wie manch andere von solchen Ereignissen berichten.

Im Flug dann natürlich den hunderten Wolken-von-oben-Fotos auf meiner Festplatte noch ein paar hinzugefügt.

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