
Das muss ich malen, denke ich morgens beim Blick aus dem Fenster, der Anblick ist BAWÜ durch und durch. Vielleicht noch einen Kirchturm dahinter setzen, der wie die Häuser selbst mit müden Augen die Beobachtenden beobachtet. Schwarz, weiß, beige, ein paar rote Highlights für die Häuseraugen.
Zu packen ist nicht viel nach 2 Tagen, ich fühle mich hocheffizient und doch verloren. Das Frühstück soll bis 10 gehen, doch schon um 9:20 wirkt der Angestellte deutlich unfroh darüber, dass der Dienstreisenbegleiter die Frage nach einem weichen Ei positiv beantwortet.
Der Autofahrer bringt mich zum Bahnhof, der immer noch eine riesige Baustelle ist. Unterwegs ein Osterhasi und einige „Wappler“. Ich werfe einen Blick in die DB-App und stelle fest, dass mein Zug schon eine Stunde vor der geplanten Abfahrt 70 Minuten Verspätung hat. Blöd, das mit der Zugbindung, aber nachdem ich eh früh dran bin, kann ich ja versuchen, das Ticket auf den nächstfrüheren Zug umzubuchen. Ich folge den Schildern mit dem hoffnungsfrohen ℹ️, erst geradeaus, dann nach unten zur U-Bahn und wieder hoch, dann in einem Halbkreis durch eine andere Halle. Als die Beschilderung mich über einen anderen U-Bahnsteig wieder Richtung Ausgangspunkt zurücklotsen will, werde ich misstrauisch. Zudem wird die Zeit zum früheren Zug langsam knapp.
Zum Glück stehen da ein paar Orangebejackte, ich frage nach dem Weg. Die Antwort klingt kompliziert und hat mit Treppen und viele Male abbiegen zu tun. Der eine mustert erst meinen vermutlich bereits leicht angenervten Blick, dann meinen rollenden Koffer, schüttelt den Kopf und winkt mir, ihm zu folgen. Er führt mich an Absperrungen vorbei durch ein Stück Baustelle, nicht weit, 30-40 Meter vielleicht, und zeigt dann auf die Rampe, die ich aus früheren Jahren kenne. Ich bedanke mich freundlich und rolle meinen Koffer durch die Holzkonstruktion, die sich in den letzten 3 Jahren überhaupt nicht verändert hat, ich erinnere die Schilder, die erst 5, dann 3, dann 1 Minute bis zu den Gleisen versprechen, die Ausstellung zum Bahnprojekt und die Pfeile am Boden.
Eigentlich sieht der Umweg aus wie eine Mario-Kart-Strecke, denke ich. Mario Kart kannte ich beim letzten Mal noch nicht. Unterwegs begegenen mir zwei wandelnde Kirschbäume, ein Leintuchgespenst und ein Skelett (erstaunlich anatomisch korrekt aufgemalt auf einen schwarzen Overall), die Stuttgarter nehmen ihre Fasnacht wohl auch recht ernst.
Dann finde ich endlich die DB-Info. Der angepeilte frühere Zug ist zwar schon weg, aber es gäbe noch einen langsameren dazwischen. Ich trage der Dame am Schalter freundlich mein Anliegen vor, und sie hat eine bessere Idee:
- „Ich hab ein Ticket mit Zugbindung für 12:17, aber der Zug hat jetzt schon so viel Verspätung, dass ich meinen Anschluss in München versäumen werde.“
- „Ja kein Problem, bei einer Verspätung über eine Stunde ist die Zugbindung automatisch aufgehoben. Nehmen sie einfach den um 11:14.“
- „Ah gut, danke. Aber den um 11:14 habe ich gar nicht in der App?“
- „Naja, der hätte ja auch um 10:17 fahren sollen. Gleis 15.“
Den Dialog hätte auch Ephraim Kishon schreiben können, denke ich auf dem Weg zu Gleis 15.
Arbeitsame Ideen zugunsten von Lektüre verworfen, ich nähere mich nach Wochen doch wieder Irvings „Queen Esther“ an. Als Jimmy endlich nach Wien fährt, entwickelt das Buch doch noch den Sog, den ich von Irving gewohnt bin.
In München ein kleiner Bahnhofssprint, ich erreiche überraschenderweise den früheren RJX. Der ist sehr voll, aber nur bis Salzburg. Ich lese weiter und döse dazwischen ein bisschen.
Dann noch was zum Nachdenken: Kurz nach Linz kommen zwei relativ junge Männer in den Waggon, 30 vielleicht, normale Freizeitkleidung, normales Verhalten, und trotzdem ist mir schon beim ersten Anblick klar, dass sie „irgendwie offziell“ sind. Ein paar Reihen hinter mir beginnen sie, einzelne Fahrgäste nach Ausweis, Reisezweck und Nationalität zu fragen, und obwohl ich mich umgedreht habe und (wie andere auch) ungeniert zuschaue, kann ich kein Muster erkennen. Die Kontrollierten sind jung, alt, blond, schwarzhaarig, weiblich, männlich – eine spezifische Fahndung ist das nicht. Vielleicht eine Übung? – Ich denke noch eine Weile darüber nach, woran ich den Exekutive-Status erkannt habe, bevor sie sich zu erkennen gegeben haben, aber ich komme zu keinem Ergebnis.