Sprache und Schritte

Bis halb zehn geschlafen, ohne Traumerinnerung und ohne zwischendurch aufzuwachen. Was Schlafexperten positiv bewerten, empfinde ich als kleinen Betrug. Bin es seit jeher gewohnt, 1-2 Mal in der Nacht aufzuwachen, aufs Klo zu tappsen und beim Wiederversinken unter die Decke zu denken: Wie schön, jetzt kann ich noch x Stunden schlafen. Wenn ich durchschlafe, fehlt dieser kleine Glücksmoment.

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Auf Facebook geistert ein Bild zu Europanto herum, eine humoristische europäische Gesamtsprache von Diego Marani. Faszinierend, wie locker sich das liest, auf den zweiten Blick stört mich das völlige Fehlen slawischer Einflüsse. Frage mich, ob das der allgemeinen Verständlichkeit geschuldet ist oder der Tatsache, dass man 1990 den slawischen Raum noch nicht als „richtig europäisch“ wahrgenommen hat.

Arbeit web-zentriert und locker-flockig. Zum Mittags-Mozzarella-Sandwich in Lyrik geblättert.

Spätmittags eine Kleinigkeit draußen zu erledigen, die Sonne scheint so frühlingshaft, dass ich beschließe, gleich Schritte zu machen. Hatte schon seit einiger Zeit an den Böhmischen Prater gedacht, also heute die Richtung eingeschlagen. Auf der Favoritenstraße ist mir zu viel los, ich wähle kleine Seitengässchen Richtung Süden. Überall fällt mir auf, dass deutlich mehr Väter mit ihren Kindern unterwegs sind als üblich. Eman(n)zipation oder wirtschaftskrisenbedingt?

Früher habe ich meine Schritte gern durch Musik aus dem Kopfhörer begleiten lassen, heute mag ich die Musik der Stadt. Ein dieselnder Lastwagen hier, ein plapperndes Kind dort, ein Rad mit Anhänger scheppert auf Kopfsteinpflaster dahin. Musik aus einem Auto, jemand telefoniert laut in einer fremden Sprache. Soundscapes überall.

Schön, bislang unbegangene sowie seit Jahren nicht besuchte Straßen und Gassen neu zu erkunden.

Halb hätte ich erwartet, dass mich das schlechte Gewissen vor Erreichen des Ziels an den Computer zurück zieht, aber das hat Freitags wohl Frühschluss. Ich marschiere weiter.

Die faszinierende Gstättn vor der Autobahnbrücke ist jetzt auch Baustelle, aber das fotografiere ich lieber nicht. Im böhmischen Prater machen Schausteller ihre Fahrten frühlingsfertig, allerorten wird geschraubt, gesägt und geputzt. Ein Bierausschank hat offen, an provisorischen Tischen stehen Leute, einzeln oder zu zweit, und gönnen sich ein erstes Frühlingsbier. Auch das fotografiere ich lieber nicht.

Jenseits des Vergnügungsparks ist das heutige Ziel, die große, hügelige Wiesenlandschaft mit Blick über die Stadt.

Es ist nicht leer, aber es ist auch nicht allzu viel los. Hunde laufen herum, ein tollpatschiger halbwüchsiger Retriever hätte mich beinahe adoptiert. Leider hat das Frauchen etwas dagegen. Alle Sonnenbankerln sind belegt, und so stehe ich ein paar Minuten einfach herum und lasse mir die Sonne ins Gesicht scheinen, beim Weitergehen sehe ich, das andere es genau so machen. Es liegt etwas Freies, Entspannendes darin, auf dem Plateau zu stehen und von oben auf die Stadt zu schauen. Leichter Wind schmeichelt meinen Igelhaaren, es bleibt lau.

Hinunter geht es in den 11. Ich muss aber noch einmal hinauf, weil sich beim ersten Versuch eine gatschige Lacke in den Weg legt, die ich meinen Schuhen nicht zumuten will. Beim zweiten Mal finde ich einen sauberen Parkausgang.

Die Stadtgegend unten ein Kontrast zum Naturidyll oben, Industriegebiet, Autobahnnähe. Jenseits der Bahngleise zweifelhafte Verheißungen.

Ich schlage den Heimweg ein, ohne auf die Karte zu schauen, der A1-Funkturm ist wie ein Leuchtturm in diesem Teil der Stadt. Vorbei an verlassenen Industriegebäuden und Bahnhofsanlagen, die Musik der Stadt ist eine andere hier: Lastwagenreifen auf Autobahn, das Horn einer Lokomotive, irgendwo heult klagend eine Stahlfräse. Zwischen Autobahn und Schrebergärten verlaufe ich mich, da ist eine Sackgasse, bei der es selbst mit viel Phantasie nicht weitergeht, ein 3 Meter hoher Zaun auf der einen Seite, unabschätzbar tiefe Baugrube auf der anderen, Betonmauer vor mir. Ich hasse Sackgassen, umdrehen und zurückgehen fühlt sich immer wie eine Niederlage an.

Mit der nächsten Abzweigung bin ich am Arsenal, dann eh nur noch den gewohnten Weg heim. 19900 Schritte, 14,5km. Die Wadln beschweren sich ein bisschen über das ungewohnte bergauf und bergab.

Das Bier des Tages

Hop Jump aus der spanischen Brauerei La Pirata ist ein TDH Hazy IPA. TDH als Bezeichnung ist mir noch nicht begegnet, wird aber wohl die Steigerungsstufe von DDH (Double Dry Hopped) sein, also Triple Dry Hopped.

In die Nase steigt beim Öffnen zitroniger Hopfen. Im Mund ist das Bier cremig und im ersten Augenblick unerwartet mildfruchtig, dann aber geht im ganzen Mundraum ein intensiver Hopfen auf wie die Sonne über dem Grand Canyon. Interessanterweise bleibt das auch bei weiteren Schlucken so (ansonsten erlebe ich es eher so, dass der Hopfen kommt um zu bleiben, und nach dem Antrunk alles dominiert). Der Hopfen selbst ist gut ausgewogen zwischen hell-frischer und dunkel-kräftiger Bitternote. Das Malz, das das Ganze zusammenhält, lässt sich beim normalen Trinken nicht direkt blicken, zeigt sich aber schüchtern-zart röstaromatisch, wenn man den Schluck im Mund wandern lässt.

Zu trinken an einem späten Sommertag im weststeirischen Hügelland, auf einer Wiese mit freiem Blick in die reichliche Gegend.

Hatte nach dem Heimkommen noch etwas Arbeit vor, aber die bringe ich am Wochenende auch unter. Hoffe ich. Tiefkühllasagne zum Abendessen (die musste dringend mal weg).

Danach zwischen asiatischen Traumrouten und Jauch-Quiz hin- und hergewechselt, während ich den letzten Abschnitt des Schals angehe.

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