„Spielen ist wie ein Schaumbad für die Seele“, poppt es morgens im Audio-Traumtagebuch auf, und ich betrachte den Satz schon wieder mehr als ungläubig. Man kann in der App aber auch nicht mehr, wie früher möglich, das originale Audio hören. Vielleicht muss ich doch wieder zu Stift und Papier neben dem Bett zurückkehren, aber die habe ich ja abgeschafft, weil ich sie nie verwendet habe. Spiegel? – Nein, nicht für mich. Ziele? Stile?
Die Lösung erschloss sich, als der liebestolle Amslerich vor dem Fenster nach einer Unendlichkeit des Tirilierens den Schnabel hielt: Endlich Stille! dachte ich, und dann: Natürlich!
Stille ist wie ein Schaumbad für die Seele.
Ja, das kann man so stehen lassen.
Ich müsste Wäsche waschen, habe aber im Hinterkopf einen Rant aus einem Forum, in dem Menschen, die sonntags in einem Mehrparteienhaus die Waschmaschine anwerfen, als komplett asoziale Egoisten dargestellt wurden. Ob das im Altbau auch gilt, fragte ich mich mit stirnrunzelndem Blick auf den Wäscheberg. Als dann aber um 10:05 über mir eine Bohrmaschine einsetzt, schalte ich ohne schlechtes Gewissen ein.
Die Strahlesonne vor dem Fenster lockt mich in den Innenhof. Da haben junge Frauen aus dem Haus in den letzten Jahren ein kleines Gemütlichkeitseck eingerichtet, für alle, wie sie bei jeder Gelegenheit betonen. Oft hört man von dort Geschirrklappern, Plaudern, Lachen. Heute ist niemand da, ich schnappe mir Kaffee und Kindle und lese auf der Bank, bis die Sonne hoch über den Flieder steigt und es mir deshalb zu warm wird.

Die Aussicht von der Bank:


Ein Katz kommt dann auch noch zu Besuch.

Ich lese Testaments von Margaret Atwood, kurz nachdem ich „The Handmaid’s Tale“ fertiggelesen habe. Irgendwie schien mir nach Ansicht der Serie etwas zu fehlen. Aber die Serie war nah dran – an der Handlung nur bis zu einem gewissen Punkt, aber am Gefühl schon sehr dicht. Es erinnert mich an Begegnungen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, Menschen, die so daran gewöhnt waren, niemandem zu vertrauen, dass alle Gespräche schwebend, ungewiss erschienen – das Konkrete hätte Lebensgefahr bedeuten können.
Was mich zum Nachdenken bringt: The Handmaid’s Tale ist 1985 erschienen, hätte ich es damals gelesen, hätte ich es in eine Reihe mit „1984“ gestellt – gruselige Dystopie, aber ganz weit weg von jeglicher Realität. Nicht als seufzend-grimmiges „Das hätten ’sie‘ gern“, wie man es in den USA heute liest, oder als Hintergrundgeschichte, weil es in anderen Weltgegenden leider schon wieder viel schlimmer ist. Es ist erschreckend und traurig, dass sich die Welt offensichtlich zurück entwickelt auf so vielen Ebenen. Aber immerhin bleibt das Ende hoffnungsvoll. Eine Hoffnung, die ich persönlich zunehmend schwer aufbringen kann, angesichts der Sonntagsfrage und anderer Unsäglichkeiten.
Ich schiebe die dräuende Gegenwart beherzt beiseite und widme mich einem Mini-Brunch.

Das mit den Preisen ist ja auch so eine Sache. Ich hatte eins meiner Lieblingsgemüse, den grünen Paprika, erschrocken nicht gekauft, 1,69 für einen einzelnen grünen Paprika schien mir einfach völlig absurd. Wenn ich so im Nachhinein drüber nachdenke, hätte ich mir natürlich trotzdem den einen oder anderen leisten können, aber die Zahl schreckte mich einfach ab. Umso froher war ich, im „2. Chance Obst- und Gemüsekisterl“ gleich zwei davon zu finden, für 3,99 – umgeben von einem halben Kilo Äpfeln, zwei Limetten, zwei Bio-Zitronen, drei Karotten, einem Viertelkilo Erdäpfeln und drei Mandarinen. Diese „2. Chance Kisterln“ bieten neben dem Preisvorteil normalerweise auch die Chance, ansonsten vernachlässigte Gemüse- und Obstsorten zu entdecken – diesmal halt nicht. Aber immerhin hatte ich Paprika.
Ich hängte die Wäsche auf, wusch noch eine Partie, räumte ein bisschen herum, überlegte einen Schritte-Ausflug und betrachtete den einen und einzigen administrativen Task für heute schräg von der Seite, aber: Manchmal muss man einen Sonntag ganz einfach nur Sonntag sein lassen. Also kochte ich mir noch einen Kaffee und las weiter.
Morgen ist ja eh schon wieder ein ganz normaler Montag.