Power to the People

21. Juli 2022

„Patti Smith in der Arena“, poppt morgens der Reminder auf, und ich starre ihn fünf Minuten lang an, bevor ich mich dem Tagwerk widme. Als ich 2019 diese Karte gekauft habe, war die Welt eine andere. Die ganze große Welt war anders, und meine kleine Welt war erst recht ganz anders. Die Konzertkarte ist eine Zeitreise für sich, die sich in meinem Hinterkopf abspielt, während ich tue, was heute getan werden muss. Will ich überhaupt? Sollte ich nicht lieber? Was wird das mit mir machen?

Ich überlege so lange, dass es zu spät ist, um die Karte noch weiterzugeben, und dann geh ich halt doch. Und will angesichts der Schlange vor dem Eingang gleich wieder umdrehen. Feig! Flüstere ich mir ins Ohr, hole mir ein Mineralwasser von der Tankstelle und stelle mich dann an. Die Schlange bewegt sich schneller als erwartet, und drinnen ist mir die Szenerie altvertraut und doch sehr fremd. Ich treffe mich wie eine alte Bekannte und wundere mich nebenbei, dass ich nicht mehr solche sehen. Eine liebe alte Freundin sehe ich dann doch noch; später über Social Media erfahren, dass noch einige mehr da waren.

Ich hole mir ein Bier und setze mich auf den Asphalt, dort wo die immer noch glühende Hitze von einem etwas kühleren Lüftchen unterbrochen wird, woher bleibt unklar, denn wo immer man hineingeht, ist es noch heißer. Meine Sitznachbarn, zwei recht junge Besucher (das Publikumsalter ist gut durchmischt), wundern sich, dass sich um Viertel nach acht auf der Bühne noch nichts tut; es hätte ja schließlich um acht anfangen sollen. Ich denke, dass die längste Wartezeit nach angekündigtem Beginn fast drei Stunden war, Johnny Winter war das, und damals hat sich keiner gewundert. Ich denke, dass ich, wenn ich da jetzt Backstage vor einem Auftritt stünde, auch noch ein bisschen Zeit schinden würde, in der Hoffnung auf kühlere Lüftchen. Dann geht es aber auch schon los

So ungefähr zweieinhalb Songs lang bin ich verwundert von so viel Kraft und Stimme, in dem Alter und bei der Hitze. Dann wundere ich mich nicht mehr und genieße. Es wird immer besser, auf der Basis von grundsolidem Rock gibt’s Ausflüge zum Punk und ins Psychedelische, auch die eine oder andere Ballade fehlt nicht. Patti singt, spricht, schreit – und ist dabei besser als je zuvor. Wie ihre Bücher ist auch die Setlist ein Tanz durch die Musikgeschichte. Wunderbar.


Vielleicht bin ich danach wie so ein Teeniegirl vor dem Tor gestanden, hinter dem die schwarze Limousine wartete – mit ähnlich gesinnten, die dem Teenie-Alter teils noch deutlich länger entwachsen waren als ich. Vielleicht war es aber auch das bessere Resultat, dass die schwarze Limousine langsam an den nur sanft winkenden verhinderten Teenagern vorbeirollte.

Dann die Straßenbahn versäumt und ein gutes Stück zu Fuss gegangen, die Stadt ist immer noch heiß, aber sie fühlt sich gerade momentan nicht so fremd an wie sonst in letzter Zeit.

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