„Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“ fand ich einen guten Grund, um nach Jahren wieder einmal ins Kino zu gehen. Der erste ins Auge gefasste Termin scheiterte an der Verspätung des Railjets aus Wels, der zweite an meinem Gemüt, das sich „nicht in Filmlaune“ befand. Dann schwante mir, dass auch dieser Film schneller aus den Kinos versickern würde, als meine zögerliche Spontanität ihn einholen könnte, und ich kaufte online ein Ticket für den nächstmöglichen freien Abend. Also heute.
Über den Tag verteilt fragten mich ein paar Leute, wo ich denn vorhätte, „das Spiel“ zu sehen. Sie meinten das letzte Spiel der Österreicher in der ersten WM seit ichhabvergessenwievielen Jahren, unsere Jungs sind ja nicht schlecht, aber gegen Spanien wird das wohl nix, so viel Realitätssinn muss sein. Die Antwort „gar nicht, ich geh ins Kino“ führte bei mehr als einem Gesprächspartner zu verwirrter Verblüffung.
Ich hatte das recht frisch renovierte Bellaria-Kino gewählt, diese Revitalisierung muss man ja auch irgendwie unterstützen. Freute mich über das wunderbar nostalgische Ambiente, aber nicht so sehr über die doch recht schmale Leinwand. Für diesen Film aber nicht so wichtig.



Die Vorhersage aus der Fussballgemeinde, ich würde da wohl ziemlich alleine sitzen, traf dann auch nicht ein – der Saal war schätzungsweise zu einem Drittel gefüllt. (Fast) alleine da zu sitzen, hätte mich aber auch nicht gestört – im Gegenteil.
Aber Pst!

Nach langer Kinoabstinenz vermisste ich trotz recht bequemer Sitze den Fläz-Faktor meiner Bettwiese und fand es besonders unbequem, nicht einmal die Schuhe ausziehen zu können. Und von der Sinnlichkeit auf der Leinwand ausgeschlossen zu sein. (Spaziergänge am Meer, die nach Licht und Luft rufen. Liegestuhlhaltung. Sich eine Zigarette anzünden. Den Geruch nach vorbeifahrenden Mopeds. And more.)
Ich muss in Sachen persönlicher Filmkritik vorausschicken, ich habe generell ein bisschen ein Problem mit der künstlerischen Nacherzählung von historischen Personen – und hatte besondere Angst vor dieser. Aber dann fand ich sie zum Glück weitgehend gelungen. Vielleicht ein bisschen zu sehr in die tragischen Seiten hineingelehnt, aber in sich schlüssig trifft Sandra Hüller die Vorgabe schon sehr gut. (Möglicherweise ist das, was mich an – auch künstlerischen – „Biopics“ stört, diese stetige Frage: Wo hört die Chronik auf, wo fängt die Kunst an? – Dass etwa Ingeborg Bachmann im Zwei-bis-Vier-Finger-System auf der Schreibmaschine getippt haben soll, nehme ich der Schauspielerin nicht ab. Aber vielleicht soll ich das ja auch nicht, und habe die Metaebene übersehen?) (Ansonsten nur Kleinigkeiten. So sauft man nicht, denke ich etwa, und ich weiß zwar nicht, wie Ingeborg Bachmann den Alkohol zu sich genommen hat, habe aber genug Alkoholiker*innen erlebt, um in meiner Meinung fest zu bleiben. Rauchen dagegen kann die Schauspielerin überzeugend.)
Viel wichtiger bleibt mir jedenfalls das Archivmaterial. Bachmanns Unsicherheit, die Ungläubigkeit über das eigene Schaffen. Die Stimme. Die Wand, gegen die sie als Frau im männerdominierten Literaturbetrieb anschreibt. Die Präzision, mit der sie eigenen körperlichen und psychischen Problemen nachspürt. Die Art, wie sie mit Interviewfragen umgeht – halb amüsiert, halb trotzig, halb hilflos (ja, das sind 3 Hälften – zu recht!). Die Zitate, erinnert, halbvergessen, nie gekannt.
Und wer schreibt mein Leben? Mein einziges und einzigartiges Leben?
Vor dem Schluss hatte ich dann auch (künstlerisch begründete) Angst, aber der ist zum Glück sehr schön.
Aus dem Kino hinaus ins pralle Leben, gegenüber im Garten des Volkstheaters gerade ein Ansatz zum Jubelschrei vor dem Public Fussballviewing, der dann geradezu musikalisch in sich zusammenbricht. Noch werfe ich keinen Blick in die digitalen Liveticker, es bleibt egal. Bewusst langsam durch den lauen Abend Richtung Hexenhöhlchen geschlendert. Im Museumsquartier Musik zum Versinken, auf der Bühne wird getanzt, es klingt nach sinnlich dunklem Dschungel und nach einer langen Nacht. Fast möchte ich bleiben. Fast.
Auf dem weiteren Weg hier und dort Bildschirme, Es steht 1:0 gegen uns, ein paar Ecken weiter 2:0. 3:0 ist es geworden, es bleibt egal.
Daran und an der Art, wie ich halb immersiv, halb distanziert durch die angenehm sommerabendliche Stadt schwebe, erkenn ich, dass ich einen großartigen Film gesehen habe. Sowas sollte ich wohl öfter machen.
Daheim noch ein bisschen in Filmkritiken hineingeschmökert, hier im Standard ausführlich + treffend, im Falter auf Regisseurin Regina Schilling zentriert. Die FAZ muss ich rügen für ein verfälschend unvollständiges Zitat:
„Begreift ihr das, dass ich ein berühmtes Wesen bin?“, schreibt sie ihrer Familie einmal keck.
Moment:
„Begreift ihr das, dass ich ein berühmtes Wesen bin? Ich begreife es nicht.“
lautet das Zitat aus dem Brief im Film, und: „keck“? Nein, einfach nur nein.