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Früher Vogel im Saharastaub

Muss man (ich) frühmorgens nüchtern zur Blutabnahme, genügt es, den Wecker ein Viertelstündchen vor Abmarsch zu stellen, vorausgesetzt, man hat eh am Vorabend noch geduscht. Es ist trotzdem eine grindige Uhrzeit, und die leicht chaotische Warterei im Labor stimmt mich nicht freundlicher, insbesondere, als dann der Folgetermin durch das ausgedehntes Warten in Gefahr gerät. Es geht sich aber gerade noch so aus, 8:10 Termin, 8:08 bin ich da. Und um 8:21 schon fertig mit allem. Erstaunlich.

Ich blinzle in die Saharastaubsonne und beschließe, dass ich mir ein Frühstück verdient habe, vor allem, weil ich grad mal ums Eck bin von diesem Plätzchen, wo mir schon seit langem ein Frühlingsfrühstück vorschwebte, manchmal schwebte mir auch ein heißer Tee in heftigem Schneetreiben vor, aber bisher bin ich dort nur in den Lockdowns vorbeigegangen. Cappuccino und Weckerl sind ausgesprochen köstlich und ein Ruhepunkt nach der ganzen Hetzerei auf nüchternen Magen. Der Ausblick frühlingshaft.

Auf der Terrasse bin ich vorerst allein, obwohl es gar nicht kalt ist. Das Leben rundherum so, wie man es von einem blitzblanken Neubaugebiet erwartet. Menschen aller Altersgruppen führen große und kleine Hunde aus, die kleinen kläffen ab und zu, die großen schauen gelangweilt. Ein Mann schiebt einen Kinderwagen leicht wippend auf und ab, am Vordach über mir hat sich eine Krähe niedergelassen und erzählt sich was. Drüben vom Motorik-Parkour vielstimmiges Kinderlachen. Ab und zu Jogger*innen in unterschiedlichen Fitnessstadien.

Gegen Ende meines Weckerls kommen andere Gäste, erst ein junges Pärchen, das sanftes Türkisch spricht, dann ein sehr einheimisches Pensionisten-Ehepaar, das hier offenbar regelmäßig frühstückt, denn die Bedienung fragt: „Wie immer?“. Dann noch eine Businessfrau aus dem Bilderbuch, die ihren Laptop aufklappt und einen Espresso bestellt. Hier kann man ruhig öfter mal frühstücken, beschließe ich, vor allem, weil der 6er zu meinem Erstaunen ganz in der Nähe fährt. Dieser Geographiezusammenhang war mir trotz ausgedehnter Streifzüge in diesem Gebiet bisher verborgen geblieben. Am Rande des Parks fotografieren alle, die ein Handy haben (also eh alle) die üppigen Frühlingsbäume. Ich auch.

Ich nehme die Straßenbahn dann nicht gleich, sondern lege noch eine Runde auf dem Markt ein, frisches Brot und ein bisschen Obst. Damit habe ich tatsächlich schon kurz vor 10 Uhr die 10000 Schritte erreicht. Als ich gegen halb elf wieder zu Hause bin, fühlt es sich an, als wäre das Tagwerk schon erledigt – dabei fängt es doch erst an.

Im Postkastl die frischen Lichtungen, jemand bringt ein Buch vorbei. Abends ausgedehntes Freundschaftstelefonat. Das Weltgeschehen ist mir für den Moment in den Hintergrund getreten.

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