Gleich am Anfang dementierte ein Moderator Gerüchte „aus dem Internet“, dass es sich beim heurigen um den letzten Bewerb handeln solle. Schau an, eine literarische Verschwörungstheorie, dachte ich vergnügt, ohne dem irgendeine Bedeutung bezumessen. Am Ende der Lesungen bin ich mir da nicht so ganz sicher.
Wir hatten zwei Autorinnen mit Vorveröffentlichungsvorwürfen (beide bleiben im Bewerb, sagt der Justitiar, mehr dazu im Literaturcafé), eine, die sich die Jurydiskussion nicht antun wollte und schon davor den Saal verließ, und dann noch den kürzesten Bachmanntext aller Zeiten. Fast alle Texte erkennbar autobiografisch. Es wurde viel gesungen, mehr als sonst performt, und wie abgesprochen tauchten in mehreren (4?) Texten Schimmelflecken an der Wand auf. Einen Moment lang schien es gar, als würde ein anderer Text vorgelesen als der eingereichte, aber das war nur eine Finte.
Dazu eine Jury, die selbstreferentiell scharmützelte, manche Texte auch mit Bedeutungen überlud, die beim besten Willen nicht drinnenstanden. Kastberger, der zum letzten Mal da ist, nochmals alle mit seiner Wahrnehmung der „österreichischen“ Literatur zutexten will und sich einen Konflikt mit der Schweiz zurechtkonstruierte. Tingler, der schon nach dem ersten Text meinte, eigentlich könne man wieder heimgehen. Den besten Eindruck hinterließen Schwens-Harrant und Strässle; Sanyal oft auch, dann aber irgendwie auch wieder gar nicht. De Weck sagte kluge Sachen, sprach aber zu wenig oft/lang, Delius blieb in alle Richtungen blutleer.
Aber zurück zum Anfang.
Der 50. Bachmannpreis beginnt am 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann, die Autorin wird zwar allerorten gewürdigt, oft aber nur sehr oberflächlich. Helga Schubert, Bachmannpreisträgerin 2020, hat näher hingeschaut und Bachmann-Momente in ihrer diesjährigen Rede zur Literatur (hier in Auszügen als Video und vollständig als pdf) mit der Welt und dem eigenen Leben und Schreiben verwoben. Sehr lesenswert.
Tag 1
Als erste Autorin liest Fiona Sironic. Sie schreibt über einen Haarfärbeunfall und über eine kommunikativ wenig aktive 2er-WG (?), der langsam Schimmelflecken an der Welt wachsen. Computerspiele, im Hintergrund Klimawandel. Inhaltlich fühle ich mich durchaus abgeholt, sprachlich teilweise auch. Nur leider immer wieder Mikrodetails, die nichts für die Geschichte tun, wie „Ich schiebe den Vorhang auf, steige aus der Duschwanne auf einen Vorleger und reibe meine Haut fest mit dem bereitliegenden Handtuch ab, bevor ich mich darin einwickle.“
In der Diskussion spricht Delius von der Unerreichbarkeit der Normalität, und Schwens-Harrant liefert einen ungewöhnlich lebendigen Exkurs über die pelzige Zunge. Kastberger fühlt sich abgeholt und erzählt von seinen Exkursionen mit Schimmelspray ins Badezimmer. Laura de Weck sagt auch Gescheites, aber da muss ich schon raus fürs erste.
(Rest abends nachgehört)
Es folgt Kurt Prödel, dessen ich-Erzähler einen Fleck im Gesicht hat, ganz ähnlich wie der Autor. Es kommen viele Spiegel vor, aber wenig Menschen. Der Fleck wird rotes Imperium genannt, was später bei der Jury-Diskussion Schwens-Harrant stört – angesichts des real existierenden Krieges. Dem Text die Weltlage vorzuwerfen, für die er nichts kann, finde ich nicht so toll. Die Idee der eigenen Nation im Gesicht gefällt mir sogar, was mich stört ist vielmehr die ausufernde Beschreibungsprosa des Textes. Jeder Anblick, jede Bewegung, jeder Atemzug wird im Detail erzählt.
In der Diskussion lobt Tingler genau den Satz, den ich am wenigsten mochte: „Mein Vater sah zurück, mit dem Blick, den ich kannte, wenn ich etwas haben wollte, das zu teuer war.“ – Erstens ist der Satz irgendwie hatschert, und zweitens gibt es dermaßen genau definierte Blicke in der Wirklichwelt eher nicht.
Jovana Reisingers Text fängt gut an, aber nach einem starken Anfang nutzt sich die zuerst pfiffige Bösartigkeit recht schnell ab.
Trotz grundlegenden Wohlwollens sieht das die Jury ähnlich. „Man könnte sich anspruchsvollere Gegnerschaften suchen als das Dorf, aus dem man her kommt“, konstatiert etwa Strässle, und Kastberger sieht das Problem darin, dass der Text seiner eigenen Leichtigkeit auf den Leim geht. Eine Groteske sei es, ist sich die Jury einig, und irgendwo fällt der Satz: Würde als Film besser funktionieren.
Kinga Toths „OstblockMädl“ (Kelag-Preis) ist der erste Text im Bewerb, der mich uneingeschränkt begeistert. Sie turnt völlig respektlos, dafür mit präziser Beobachtungsgabe und feinen Textminiaturen durch die ungarische, österreichische und österreichisch-ungarische Geschichte und Gegenwart. Die Sätze endlos und pirouettenhaft, wie die mehrfach erwähnten Tänzerinnen. Ich kann mich wirklich nicht für ein Zitat entscheiden, denn alles hängt mit allem zusammen in diesem Text, es ist eine wunderbar wilde Reise.
Ich bin besorgt vor der Diskussion, doch auch die Jury ist weitgehend begeistert, nur Tingler murmelt was von „anachronistisch“. Offenbar kennt er das Burgenland nicht. Es wird darüber diskutiert, ob der Text wütend, traurig oder sehnsüchtig ist. Das ist einfach: Er ist all das – unterm Strich aber auch ein „isthaltso“, das sich das Lachen trotz allem nicht verderben lässt.
Zum Abschluss des ersten Tages liest Slata Roschal. Sie präsentiert ein sozialkritisches Kaleidoskop in einem Literatur-Hotel, müsste mir eigentlich gefallen, denke ich, gefällt mir aber nicht. Die Figuren sind zahlreich und bleiben blass, die Sprache ist streckenweise hölzern, am Ende stirbt der Autor. Am ehesten würde ich gerne mehr über Hana und Jana erfahren (aber ich mag es ja selbst nicht, wenn die Jury darüber redet, was sie lieber gelesen hätte). Nach der Lesung geht die Autorin, ohne die Diskussion abzuwarten (angekündigt). Kann man machen, denke ich. Wirkt zwar etwas affektiert, aber es gab schon Schlimmeres. Teilen der Jury müssen erst die Zusammenhänge erklärt werden, Delius findet den Text „zu brav“, dem kann ich zustimmen. Tingler findet den vorzeitigen Abgang respektlos, ihm wird widersprochen.
Später im Interview spricht die Autorin über die prekäre Lage vieler Autor*innen, das ist ein wichtiges Thema, aber die Art und Weise, wie sie den Bewerb als reines Rangeln um die 30.000 Euro des Hauptpreises darstellt, stört mich – und wie sie ihre eigenen Bedürfnisse als allgemeingültig präsentiert, ebenso. „Warum soll man überhaupt gefilmt werden als Autor?“ – Ja, warum denn nicht? – Ich meine, wer nicht gefilmt werden will, ist beim Bachmannpreis halt ganz einfach falsch. (Eigentlich schwingt da die Frage mit, ob Wettbewerbe überhaupt noch zeitgemäß sind – was auf bsky dann auch diskutiert wird.)
Tag 2
Lena Schätte (Bachmannpreis und Publikumspreis) nimmt uns mit in eine Kinderwelt zwischen Übergewicht und einer Mutter, die zwischen böse und lieb changiert. Im Mittelpunkt die Beziehung zwischen zwei Außenseiter-Mädchen. Ich folge dem Text gern, er ist auf seltsame Weise traurig und in manchen Szenen dennoch idyllisch, während die wirklich schlimmen Erfahrungen nur angedeutet werden und dadurch umso stärker nachwirken. Lakonisch ist ein Wort, das in der Diskussion oft fällt, stimmt auch, der Text ist aber lebendiger als das Wort ihn scheinen lässt.
Die Jury ist weitgehend positiv, Kastberger aber spricht ausgerechnet hier von Anklängen an die Selbsterfahrungsliteratur der 70er und warnt vor Pathos, was anderen Texten viel eher zugestanden wäre.
Ozan Zakariya Keskinkilic (Deutschlandfunk-Preis) bereitet in seinem Videoportrait eine orientalische Mahlzeit zu und jausnet dann Feta und Wassermelone vom Rücken eines jungen Mannes. Sein Text, in dem es um die erotische Beziehung zu einem jüngeren Mann und um die fehlende Vaterbeziehung zu seinem Sohn geht, verbindet spielerisch die Gegensätze zwischen Religion und Sinnlichkeit und das auf eine poetische Art und Weise, die mir in der Tradition orientalischer Lyrik zu stehen scheint. Um Sprache geht es auch. Er freut mich, dieser Text. (Und ich merke, dass ich mittlerweile generell Probleme damit habe, geeignete Zitate zu finden, weil sie, aus dem Kontext gerissen, so viel verlieren)
Auch Kastberger sieht die erzählerische Pracht, Strässle findet als erster die Dichotomie zwischen Religion und Sexualität, und das ist präzise gelesen. Schwens-Harrant stört sich an den Aphorismen, die zwar halt wirklich solche sind, aber dennoch irgendwie passen, finde ich:
„Es gibt nur zwei Wahrheiten auf der Welt, denke ich, du wirst geboren und du stirbst, alles dazwischen ist Interpretation.“
Tingler beschwert sich über das „Neuköllner Biedermeier“, die anderen widersprechen zum Glück gleich. Mir fehlt in der Jury-Diskussion das Eingehen auf das überdeutlich nicht Erzählte, aber das mag daran liegen, dass ich selbst Meisterin des vielsagenden Schweigens bin.
Mit Seraina Kobler, deren Ich-Erzählerin ein Kind Teils auf dem Rücken, teils im Kinderwagen immer mit sich hat, geht es in ein Bergdorf, wo zumindest im Kopf der Protagonistin Familiengeschichte aufgedröselt wird. Es ist nett erzählt, wirkt aber insgesamt altbacken. Die Jury ist weitgehend wohlwollend, aber auch nicht sehr begeistert.
Magdalena Schrefel (3sat-Preis) erzählt, ebenfalls in Ich-Form, über Brustkrebs, die Behandlung und die Kommunikation darüber. Sprachlich finde ich den Text sehr konservativ und inhaltlich (ich darf das sagen) doch eher banal. Vielleicht weil ich den Schlüsselsatz, “Jederzeit kann in einem Körper der Tod sich ereignen.” schon in der Kindheit verinnerlicht habe. Außerdem irritiert mich ungemein, dass über das “K-Wort” gesprochen wird. Dinge haben Namen. Man darf sie benutzen.
Die Jury ist aber durchgehend begeistert, und während der Diskussion kommt mir der Verdacht, dass die Barriere für mich hier die Kommunikationsebenen sind. Kommunikation ist halt nicht meine Stärke, offenbar auch im Lesen nicht.
Bei Caroline Rosales geht es um eine Frau, die einen Callboy erst mietet und sich dann in ihn verliebt. Eine schöne Umkehrung der üblichen Verhältnisse könnte das sein, aber der Text bleibt distanziert und spricht die ganze Zeit sehr abfällig über den Lover, der auch noch Kevin heißt. Da hilft der beinah larmoyante Schluss auch nicht mehr. Die Jury ist mehrheitlich auch nicht beglückt, wenngleich die Anmerkung von Sanyal, die Erzählerin in der Geschichte sei eine unzuverlässige, immerhin eine interessante Ebene schafft.
Tag 3
„Meine Mutter hatte in ihrer manischen Episode ein Auto ausgeliehen“, beginnt der Text von Derya Uzun, und das lässt mich autobiografiebedingt aufhorchen. Stark auch der Satz „Selbstmordversuche waren in meiner Familie ein beliebtes Stilmittel.“ Das wars dann aber auch fast schon; es wird erinnert, geschlafen, geputzt, studiert und in die Oper gegangen. Dann ein eigener Selbstmordversuch, in, naja, beschreibender Sprache: „Ich zog meinen braunen Lederstuhl, aus Kunstleder gefertigt, vom Schreibtisch heran und setzte mich.“ Wobei, ein Selbstmordversuch mit Salz, das ist immerhin ungewöhnlich. Ich langweile mich dennoch und lasse dann die Jurydiskussion auch aus.
Christoph Szalay liest einen Text über einen Ex-Wintersportler, der im italienischen Wald zufällig eine ehemalige Skisprungschanze findet. Hier wären wir punktgenau bei der Selbsterfahrungsliteratur. Dazu ein bisschen Landschaftsbeschreibung und Wikipedia. Ich langweile mich noch mehr. Auch die Jury plätschert eher an mir vorbei, merke mir nur Kastberger, der von „einem Text für Alpenvölker“ spricht.
Schlimmer kann es nicht mehr werden, denke ich und – irre mich. Wolfgang Popp versucht sich an einem Klagenfurt-Metatext, wie er alle paar Jahre mal vorkommt. Der Anfang lässt aufhorchen: „Wie lange es dauert, bis mich jemand unterbricht. Weil der Text, den ich hier gerade lese, nicht der Text ist, den ich eingereicht habe.“ Doch von da an geht’s bergab, was nicht zuletzt an der übersteigerten Wichtigkeit der Erzähler-Wahrnehmung liegt. Die Jury, außer Kastberger, der eingeladen hat, versucht auch nur halbherzig, den Text zu analysieren.
Mir stellte sich eine bange Frage:
Kurz (ha!) gesagt: Gesche Heumann konnte. Mit einem zwei Seiten und sieben Minuten langen Text gelang ihr, was der Lesetag bis dahin vermissen ließ. Auf so kleinem Raum eine vergnügliche und gleichzeitig kritische Miniatur des Kunstbetriebs zu entwickeln, Respekt! Auch wenn ich viele der angedeuteten Geschichten gerne in epischer Länge gelesen/gehört hätte.
Die Jury war ähnlich beeindruckt und sichtlich froh, den Tag früher beenden zu können.
danke für die konzentrierte zusammenfassung, ich denke vieles anders, aber so muss e sja sein. und ich musste die bedeutung von „hatschert“ recherchieren. (no Google, almost no KI meinerseits.)
grüße aus wien jetzt. ; )
Unterschiedliche Sichtweisen sind toll, sonst wärs ja fad! Gruss zurück aus wels, wo es nicht mehr ganz so heiss ist.