7. August 2025

Der Exotik auf der Spur

Nach erstaunlich leichthändiger Vormittagsarbeit besinne ich mich auf den Halburlaub und nütze meinen unerwarteten Elan zum Sortieren der Küchenkastln. Hinter den Reisvorräten finden sich diverse Linsen, die ich einmal auf der Spur eines gesünderen, nachhaltigeren Lebensstils erworben habe. Sie müssen dann bald mal weg, und ich beschließe, mit den roten anzufangen, die sind pflegeleicht und variabel, hat man mir erzählt. Schnell stelle ich beim Blick in Rezeptvorschläge fest, dass mir da doch die typischen Gewürze fehlen. Vor allem Kreuzkümmel, weiß ich nach einem Telefonat mit dem Hobbykoch meines Vertrauens, ohne Kreuzkümmel geht Dal und vieles andere gar nicht.

Ohnehin ist ein Ausritt geplant, der arme kleine Laptop ist wieder bei Akku-Kräften und möchte abgeholt werden, da kann man ja auf dem Rückweg gleich auf dem einen oder anderen Markt vorbeischauen.

Den Weg zur Abholung ist geradlinig, danach erlaube ich mir etwas mäandern. Ich bin bildschirmmüde und laufe der Nase nach. Das Wetter heute perfekt. Das habe ich mir morgens schon gedacht, so ein angenehm kühler Morgen mit dem spürbaren Versprechen eines klassischen Sommertags. So sollte es einfach immer sein.

Warum die durchaus interessanten Parks, Durchgänge und Straßen ohne Fotos geblieben sind, weiß ich jetzt auch nicht, erst bei der Arena erinnere ich mich wieder daran, auf den Auslöser zu drücken. Von dieser Seite habe ich mich noch nie genähert, jedenfalls nicht bei Tageslicht.

Mit 9000 Schritten auf dem Tacho stehe ich einer U-Bahn-Fahrt durchaus wohlwollend gegenüber, zumal die Zeit zum Einkaufen sonst knapp wird.

In Sichtweite der Gasometer (dass da oben Balkönchen oder Terrassen sind, ist mir auch noch nie aufgefallen) überlege ich Routen, die in diesem Sommer allesamt nicht funktionieren, weil: Der 18er fährt nicht, der 6er nicht dort wo er sonst fährt, und man könnte ja so oder so, aber was für ein Umweg! – Wienmobil empfiehlt schnörkellos die U3 bis Enkplatz und dann den 11er bis Reumannplatz. Auf die Idee wär ich nie gekommen; vielleicht auch eine Aufgabe für Sommerausflüge: Nimm Straßenbahnen, die du sonst nicht nehmen würdest. Die Fahrt ist kürzer als erwartet.

Das empfohlene Fachgeschäft enttäuschte. Zwar ist es nicht das erste hochwertige Geschäft von exotischen Genüssen, in dem alles chaotisch durcheinanderliegt, aber solche Geschäfte brauchen einen, der sich auskennt. Wenn der einzig sichtbare Verkäufer meint, schwarzer und weißer Sesam wären das gleiche, und Kümmel wäre eh dasselbe wie Kreuzkümmel, dann funktioniert das nicht. An der Sprache lags nicht, er parlierte akzentfrei. Vielleicht nur eine Sommeraushilfe. Oder er hat mich nicht ernstgenommen.

Am Markt hatte ich mehr Glück, 3 junge Marktstandler diskutierten arabisch und zückten Handys, um herauszufinden, was denn Kreuzkümmel sein könnte, und schließlich füllte einer ein Schäfelchen voll mit Pulver aus einer Lade und ließ mich schnuppern. Es roch korrekt. Mit dem um zwei Euro abgefüllten Säckchen werde ich vermutlich für den Rest meines Lebens auskommen.

Auf dem Heimweg noch ein Soda Zitron unter einem Sonnenschirm, weil man an so einem Tag dir Draußenzeit einfach maximieren muss. Zuhause die Sachen sortiert und dann gar keinen Hunger mehr, ich hatte ja noch anderes gekauft und probierte beim Auspacken da vom Schafskäse, dort von den Falafeln und noch ein paar Kleinigkeiten. Mein erstes selbstgemachtes Dal wird dann halt morgen werden.

Das Bier des Tages

Das Virmalised IPA von Põhjala duftet stark zitrig und leicht hefig. Die Hefe meldet sich im Antrunk stärker, wird aber gleich von einem kräftig-hellen Hopfenbitter aufgefangen und tritt kampflos unterstützend in den Hintergrund. Die Hopfennoten sind vielschichtig, Citra merkt man durchgehend, das Bitter ist schön anhaltend und geht trotz der Frische eine mollige Verbindung mit Malz und Hefe ein. Klare 5 Sterne unter dem Nordlicht, nach dem es benannt ist.

Zu trinken im August an einem finnischen See in der Dämmerung, wenn abends der Nebel über die spiegelglatte Oberfläche zieht und man schon merkt, dass der Sommer nicht mehr ewig bleibt.


Bier-Übersicht

„Memoirs of a Survior“ gestern im Bett fertiggelesen. Ich hatte lange nichts mehr von Doris Lessing gelesen und freute mich vor allem an dem leichthändigen Weltenbau, so möchte ich das auch machen. Natürlich, die Menschen, die Ereignisse auch überzeugend und gern gelesen. Vielleicht macht den Unterschied zwischen guten und weniger guten Schriftsteller*innen aus, dass man den guten auch die abwegigsten Dinge glaubt, während man den weniger guten auch eigentlich Plausibles nicht so ganz glaubt?

Beim Soda-Zitron unterm Sonnenschirm war es jedenfalls Zeit für ein neues Buch, ich hatte schon vor einer Weile Kairos von Jenny Erpenbeck auf den Kindle geladen, weil mir jemand erzählt hatte, es ginge um Archivarbeit, um Erinnern, weil das eben Themen sind, die mich auch fortwährend beschäftigen. Aber schon nach wenigen Seiten keine Lust mehr; mir wurde nicht plausibel, warum sich die blutjunge Katharina in den alten Hans verliebt, immerhin das müsste glaubwürdig erzählt werden, damit die Geschichte bei mir ankommt, dachte ich, und schaute lieber durch die Blätter in den Himmel.

Vielleicht doch ein weniger düsteres Buch für den kurzen verbleibenden Sommer?

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

Previous Story

Mystery-Klodeko

Next Story

Seltsamer Sommer

Archiv

Kategorien

@stuermchen@wien.rocks

Echt jetzt, Pantone? Die Farbe des Jahres 2026 ist "Weiße Wände nach 5 Jahren Zigarettenrauch"? https://www.pantone.com/eu/de/color-of-the-year/2026 [...]

Heute in Ulm. Morgen um Ulm herum. [...]

München ist schräg! [...]

Kalt geworden! 🥶🥶🥶 [...]

Wobei, so überfordert wie die Leut' mit dem Zugfahren sind, ist es vielleicht eh besser, sie fahren nicht Auto. [...]

Blogheim.at Logo

Neue Beiträge per Mail erhalten?

Trag dich ein, um eine Email-Benachrichtigung zu erhalten, wenn ein neuer Beitrag veröffentlicht wird:

In anderen Jahren...

See all...

Go toTop