Bachmannpreis 2021 – Tag 1

Heuer leider wieder einmal nicht live dabei, aber Kurznotizen müssen sein, für die langjährige Blogtradition.

Julia Weber beschreibt in „Ruth“ vordergründig eine Sexszene zwischen einer Prostituierten und einer älteren Frau, dahinter entstehen Frauenkörper, Frauenleben, Sein. Gefällt mir gut, lyrisch beschrieben, auch der sanft schweizerisch angehauchte Vortrag passt gut.

Ein breites Becken hat sie, ganz breit ist ihr Becken, man könnte darauf eine Decke
ausbreiten und picknicken, auf ihrem Becken. Eine Aussicht in die Weite,
über einen Ozean hinweg, vielleicht.

In der Diskussion ortet jemand eine abwertende Beschreibung der älteren Frau, Kastberger steigt ungewöhnlich früh zu hoher Form auf und verteidigt sowohl die Frau als auch den Text.


Heike Geißler liest „Die Woche“. Mich freut die Verbindung aus banalem Alltag und vielschichtigen lyrischen Pirouetten, der Text schließt an an die Lyrik, in der ich in den 80ern gerne gebadet habe, ohne dabei altbacken oder nostalgisch zu sein.

Ich rede immer, damit jemand nicht stirbt, zum Beispiel ich.
Das stimmt aber auch nicht.
Das stimmt nur zum Teil.

Die Jury findet das alles zu banal, bis auf Insa Wilke, die eingeladen hat. Ich habe zudem den leisen Verdacht, dass der Text besser aufgenommen worden wäre, wenn es um zwei Männer ginge und um deren Banalitäten. Bachmanntwitter ist gespalten.


Necati Öziris Text heißt „Morgen wache ich auf und dann beginnt das Leben“. Ein todkranker Sohn schreibt an den unbekannten Vater, der Mutter und Schwester schon vor der Geburt des Sohnes zurückgelassen hat. Wirklich gut gemacht, aber mir – gerade nach den ersten zwei schwebenden, lyrischen Texten – deutlich zu klar, zu monothematisch. Spärliche Andeutungen anderer Ebenen gibt es dennoch.

Fast so unmöglich, wie jetzt damit anzufangen „Papa“ zu sagen, ist es für mich, hier „Ich“ zu sagen. „Papa“ klingt nach dem Aussprechen falsch, „Ich“ löst vorher ein Stocken, einen hohlen Schmerz, einen Muskelkrampf in der Zunge aus. „Ich“ war ich nicht, „Ich“ war immer ein anderer, erst recht jetzt. Ich werde also so tun als sei dies nicht meine Geschichte. Ich werde permanent lügen, nichts stimmt, Murat, aber jedes Wort ist wahr.

Die Jury neigt zum Positiven und interpretiert türkische Politik. Twitter ist weitgehend begeistert. Mit Ausnahmen.


Magda Woitzuck liest „Die andere Frau„, und die langatmige Deskriptionsprosa langweilt mich dermaßen, dass mich nicht einmal mehr interessiert, warum da eine tote Frau im Wald liegt, und warum Judith nicht die Polizei ruft. Worauf es hinausläuft, ist nicht einmal überraschend. OK, schöne kleine Ideen dazwischen.

Stefan ist ein großer Mann, aber wenn er Suppe isst, dann rundet sich sein Rücken
und seine Schultern fallen nach vorne, um den Weg des Löffels zwischen Teller und
Mund möglichst kurz zu halten. Dann sieht Judith gleichzeitig das Kind, das Stefan
einmal gewesen ist, und den alten Mann, der er einmal sein wird

Aber.

In der Diskussion macht sich die frische Jurorin Vea Kaiser bei mir schon zum zweiten Mal unbeliebt. Alles ist ihr großartig, und wenn jemand es anders sieht, hat der/die das falsch verstanden.


Katharina Ferner spinnt Traumsequenzen vor sich hin, was besser ist als der erste Eindruck, sie wolle an Naturwissenschaftsliteratur anknüpfen. Trotzdem nichts, was mich mitnimmt. Mir scheint, als sollten die wie zufällig eingestreuten Zahlen etwas bedeuten, aber es interessiert mich nicht genug, um das genauer zu erforschen. Anfangs aufblitzende surreale Elemente verlieren sich im Weiterplätschern.

Mir träumt: siebzehn Hektar Meer. Wir sind in den Zoo eingebrochen, um in der Nacht
zwischen Quallen zu schwimmen. Unser ursprünglicher Plan, ans Meer zu fahren, ist wegen
der Reisebeschränkungen vertagt.

Die Jury ist lauthals ratlos, das finde ich etwas faul. Tingler spricht dem Text die literarische Sprache ab. Kastberger kritisiert die Jury: „Was soll das eigentlich?“ sei keine Literaturkritik, und hält eine glühende Rede für Mikroprosa. Wiederstein liest ein dadaistisches Traumtagebuch, das finde ich sehr wohlwollend, zu wenig Dada, zu wenig Sprachkunst. Twitter hat auch keine Freude an dem Text.

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