Aktivsamstag

26. November 2022

Im Traum Server administriert und Katzen gestreichelt. Nach dem ersten Kaffee dringend notwendiger Wohnungsputz, dann eine neue Schmuckidee gehabt und gleich den Prototyp gebastelt. Beinah hätte ich anschließend noch zu arbeiten angefangen, doch da kommt die Nachricht, dass meine gestrige Bestellung abholbereit ist, und ich mache mich auf den Weg. Zu Fuß natürlich.

Unterwegs begegnen mir die ewige Faszination der Abriss-Ästhetik und ein Orang ohne Utan.

Danach natürlich gleich mit der Phon-Einrichtung begonnen. Weil das Blog gerade unpässlich ist, notiere ich meine weitläufigen Assoziationen vorläufig offline:


Mein Großvater war, vor langer, langer Zeit, sehr stolz darauf, den ersten Fernsehapparat im ganzen Dorf gehabt zu haben. Das muss irgendwann in den 50er-Jahren gewesen sein. Viel später, in den frühen Siebzigern, kaufte er einen Farbfernseher. Damit war er nicht der erste, sondern der dritte im Ort. In dieser Sache war er abwechselnd stolz und geknickt – nicht der Erste zu sein, wurmte ihn, aber Dritter war ja auch nicht nichts.

Am ersten Abend, als der Farbfernseher bei uns einzog, klebten wir vom Beginn des Kinderprogramms, wohl so um 17 Uhr, bis zur Bundeshymne (kurz vor oder nach Mitternacht) am Bildschirm. Auch wenn damals noch keineswegs alle Programme in Farbe ausgestrahlt wurden. (Der Kasperl etwa, merkte ich einige Tage später, der kam trotz Farbfernsehers in schwarzweiß an. Sehr enttäuschend!)

Am nächsten Tag ließen meine Großeltern mich ausschlafen, obwohl es ein Schultag war. Das verwirrte mich: Extrawürsteln für Spätaufsteher gab es bei ihnen sonst nicht. Mit etwas, das man auf den ersten Blick für entwaffnende Ehrlichkeit halten könnte, schrieb meine Großmutter den Entschuldigungszettel, mit dem sie mich am mittleren Vormittag in die Schule schickte. Dass wir alle bis Mitternacht vor dem neuen Farbfernseher gesessen waren und man deshalb das arme Kind hatte ausschlafen lassen, war aber, im Nachhinein betrachtet, natürlich keine Entschuldigung für mein Fernbleiben in den ersten zwei Stunden – es war vielmehr der sicherste Weg, um die Nachricht, dass wir jetzt einen Farbfernseher hatten, möglichst schnell im ganzen Dorf zu verbreiten.

“Aha, einen Farbfernseher habts ihr jetzt” kommentierte die Lehrerin säuerlich, damals nahm ich ihren Tonfall als Kritik meines Zuspätkommens, heute bin ich mir da nicht mehr ganz sicher. Das kollektive Seufzgemurmel in der Klasse konnte ich erst recht nicht deuten. Ich war ein ernsthaftes Kind, egalitär erzogen, Neid sowie Prahlen waren mir völlig fremd.

Warum mir das jetzt einfällt? Ich habe ein neues Telefon. Und während mir Neid und Prahlerei nach wie vor fern liegen, war es dasselbe feierliche Gefühl wie an dem allerersten Farbefernsehabend, das mich befiel, als ich die neuen Funktionen erkundet und die optimale Einrichtung konfiguriert habe. Bittschön, das meiste davon wär natürlich auch automatisch gegangen – aber wo wär denn dann der Spass dabei geblieben?

Eine Entschuldigung für den verdaddelten Abend wird mir morgen allerdings niemand schreiben. Aber was soll’s, ist ja eh ein Samstag.

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