Zurück aus dem Bergwerk

„We are…“ ja, was sind wir denn?, dachte ich beim Anblick dieses Graffitis, das entweder sehr philosophisch oder aber unvollendet geblieben ist. Überhaupt sind der näheren Umgegend in der Zeit eine Menge Graffiti gewachsen, die meisten davon künstlerisch eher nicht so wertvoll, schnelle Tags oder eilig abgeladener Protest ohne große Ansprüche.

Ich frage mich, was ich noch so verpasst habe in den letzten zehn Tagen, in denen der Kopf von früh bis spät vor dem Bildschirm hockte. Politik und Seuchennachrichten habe ich nicht verpasst, der unverschämte Korruptionssumpf der ÖVP und der halbherzige Lockdown über Ostern geben mir schon zu denken, obwohl ich auf diese Art von denken eigentlich wenig Lust habe. Bin dankbar für mein Direkt-Umfeld, das vernünftig aber unaufgeregt durch die Pandemie geht. Für mich selber gilt: Wieder mehr wandern, wieder mehr bloggen.

Aber noch habe ich meine Wanderungen nicht wieder aufgenommen, eine Einkaufstour steht heute auf dem Plan. Eigentlich wollte ich nur ein besonderes Brot kaufen, doch dann hüpfte mir beim Bobo-Greissler noch eine gebeizte Alpenlachsforelle und ein Mohnkringel-Osternest in den Einkaufskorb, beim Olivenspezialisten ein paar Häuser weiter nicht nur das gesuchte Olivenöl sondern gleich auch Linsensalat, Hummus und Bulgur, und mit den Bieren für die österliche Weiterführung der Bierverkostungstradition und einem schönen Stückerl BIO-Rind vom Fleischer habe ich fast so viel Geld ausgegeben, wie es mir sonst für ein Monat Essen reicht. Andererseits entfällt so viel, keine Lokalbesuche, keine Ausflüge nach jenseits des Stadtrandes, keine neuen Businessklamotten. Also warum nicht einmal teuer schlemmen.

Das passt schon so, denke ich, und gönne mir dann gleich noch das erste Eis des Jahres. Schoko-Himbeer von den Veganistas.

Die Mehrfach-Selbstreflexion mit Marmor-Ei ist das kreativste, was mir heute an Foto einfällt. Die Blick-Inspiration muss sich wohl noch ein bisschen erholen. Aus irgendeinem Fenster klingt plötzlich klavier-mächtig „Sound of Silence“, ich höre genau hin und bin überzeugt davon, dass das ein echter Flügel ist, auch wenn E-Pianos akustisch heute nicht mehr wirklich davon zu unterscheiden sind, zumal von einer befahrenen Straße aus, dennoch: Irgendwie denke ich, das Klavierholz ächzen zu hören. Den Stimmpart übernimmt eine Querflöte, ich bleibe kurz stehen und höre zu, dann gehe ich weiter und pfeife die Melodie mit und weiter, ich pfeife überhaupt viel und gern in letzter Zeit.

Zu Hause denke ich nach, welche Version des Songs meine liebste ist, lange Zeit mochte ich nur das Original, dann kam die Version von Bob Dylan mit Paul Simon, die ist wahrscheinlich die berührendste, aber dann gibt es auch noch die von Disturbed, die mit ihrer Reise durch die unterschiedlichen Musikstile für mich die gänsehautträchtigste ist. Aber bevor ich gänzlich in Nostalgie versinken kann, bringt mich zum Glück dieses fürchterliche Reggae-Machwerk schallend zum Lachen.

Das Bier des Tages

„Live Laugh Love“ vom Indie Alehouse in Toronto bezeichnet sich als „Inspirational IPA“. Inspiration kann ich brauchen, und den Sinnspruch-Titel will ich ausnahmsweise verzeihen. Hazy ist dieses IPA auch.

In die Nase steigt beim Öffnen ein sehr typischer IPA-Duft mit milder Hefe im Hintergrund. Die Zunge trifft auf ein kleinperlig-schaumiges Erlebnis, aus dem sich ein intensiv hopfenherber Geschmack erhebt. Begleitet wird er von sanften Zitrusnoten. Mit leichter Hefe im Hintergrund (die sich beim Weiterkosten langsam nach vorne kämpft) und perfekt abgestimmter Kohlensäure ein feines Bier. Könnte aber etwas anhaltender sein, denn nach dem Schlucken bleibt nur eine schwache Ahnung vom Hopfen zurück.

Zu trinken nachts an einem Fischteich, während die Angeln ausgelegt sind und vom Lokal am gegenüberliegenden Ufer härterer Classic Rock herüberschwappt.


Auf vielfachen (ok ok, zweifachen) Leserwunsch gibt es hier jetzt eine laufend aktualisierte Übersicht zu den bisherigen Folgen von „Bier des Tages“.

Gekocht wird heute nicht, die mediterranen und Waldviertler Köstlichkeiten munden auch kalt.

Später hüpft tatsächlich ein süßes Osterhasi vorbei, als hätte ich in den letzten Tagen noch nicht genug genascht. Entzückend. Vielleicht hätte ich doch Psychologin werden sollen, denke ich angesichts eines noch späteren Telefongesprächs, aber andererseits interessiert mich das Innenleben nur von ganz wenigen Personen, und vermutlich würde mich die Weigerung der meisten, das offensichtliche zu sehen, ohnehin bald in eigene Depressionen stürzen.

Soll ich jetzt zu meinem schwedischen Hörbuchkrimi die Fäden der gerade fertig gewordenen Jacke vernähen, den 3/4-fertigen Patentschal vollenden (dessen Aussehen hier noch geheim bleibt), oder gönne ich mir das Glück eines neuen Projekts? Stay tuned – morgen gibt es die Auflösung. 🙂

2 Comments

  1. Danke für den Dylan/Simon-Tip! Hm. Bei Duetts dieser Art ist – so empfinde ich es jedenfalls – das Wissen um die Bedeutung und die Geschichte der Interpreten wesentlich. Es projiziert dadurch eine ganz andere Gefühlslage als das Original. Das ist natürlich okay, aber es fällt mir bis heute sehr schwer, mich der außergewöhnlichen Macht des Originals zu entziehen.
    Das war 1964. Für diese Epoche war das ein echter Wegbereiter, der ein Stimmungsbild in der Gesellschaft zugleich reflektiert und mit angestoßen hat, das erst in den folgenden fünf Jahren seine Kulmination finden sollte. Wobei all das ohne Dylan wohl nie so passiert wäre.
    Für sehr empfehlenswert halte ich ihre Monterey-Version, so wie ja überhaupt alles von diesem nicht wiederholbaren Ereignis der menschlichen Kulturgeschichte vom 16. bis 18. Juni 1967. Ganz wundervoll auch die damals dargebotene Version von „The 59th Street Bridge Song“.

    So gut wie sicher waren diese Dinge, die mir im Vergleich mit allem U-Musikalischen, das davor und danach produziert wurde, wie eine Hinterlassenschaft einer unerreichbaren Alien-Spezies erscheinen, nur zu genau dieser Zeit möglich. Das geht auch immer wieder aus Interviews mit den Überlebenden hervor; im Grunde hat keiner von ihnen eine Ahnung, warum sie damals so verdammt gut waren. Das schenkt mir auch ein wenig Trost in Bezug auf den frühen Tod von z.B. Hendrix: Sehr wahrscheinlich wäre auch von ihm nicht mehr all zu viel nachgekommen.

    Zum Glück gab es schon ausreichend brauchbare Aufnahmetechnik. Und vielleicht ist manchmal die aus heutiger Sicht grottenschlechte Technik für einen Teil des besonderen Charmes so mancher Aufnahme verantwortlich. Ich denke da etwa an den Live-Mitschnitt von Dylans „Ballad of a thin Man“ in Sheffield, 1966. Wenn Musik dazu da ist, Welten aus Emotionen zu erschaffen, zieht mich diese in ein ganzes Universum. Auf simplere Art gelingt das bei mir auch jedes Mal „Summer in the City“ oder „San Franciscan Nights“, beiden aber nur in den Studioversionen. Und auch, wenn es vielen aufgrund der gnadenlosen Ausschlachtung längst banal erscheint, ist Richie Havens „Freedom“ in Woodstock (Video!) ein eigentlich nicht mehr überbietbarer Extrakt dessen, wozu Musik imstande ist, wenn man sie auf das Wesentliche reduziert.
    Vielleicht war es wie die eine Jahrhundertwelle, auf die alle Surfer ihr Leben lang warten. Auf der damals so viele geritten sind, bis sie sich dann rasch am Strand verlaufen hat. Und seither – so scheint es mir jedenfalls – warten alle darauf, dass endlich die nächste Jahrhundertwelle kommt.

    Oschreck, was hab ich da jetzt alles abgesondert … Man möge mir verzeihen, aber dieses Bild von „Sound of Silence“ vom offenen Fenster auf die Straße hinunter hat mich ins Schwärmen gebracht.

    • Ich überlege seit Tagen, wie ich diesen mächtgen musikalischen Ausflug beantworten soll, aber es gibt nicht viel hinzuzufügen. Außer vielleicht: Du hast meine Feiertagsplaylist nostalgisch inspiriert. 🙂

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