Les-Bar

Weia, Weia, Weihnachten

Weihnachten aus Alien-Sicht, geschrieben für die „etwas andere“ Weihnachtslesung der Szene Margarethen am 1. Dezember 2016 im Perchtenstüberl.

Als Xyvko zum ersten Mal das Wort „Weihnachten“ hörte, dachte er, es wäre etwas furchtbar Schlimmes passiert. Das Wort klang in seinen außerirdischen Ohren nämlich verdächtig ähnlich wie das ungläubig-verzweifelte „Weia, Weia, Weia!“, das die alte Bäurin ausgestoßen hatte, als sie die Verwüstungen sah, die Xyvkos Raumschiff beim Absturz im Gemüsegarten hinterlassen hatte.

Damals, im Sommer, im Gemüsegarten, hatte er gerade noch seine Psycho-Aura aktivieren können, die ihm fremden Augen gegenüber ein anderes Erscheinungsbild gab, als er tatsächlich hatte. Nicht auszudenken, was die naiv-kriegerischen Erdbewohner mit ihm angestellt hätten, hätten sie ihn in seiner wahren Form gesehen. So praktisch seine drei Beine und fünf Arme auch waren, hätte ihn die Bäurin sicher niemals in ihre Küche gelassen, wenn sie gesehen hätte, dass er ihr freundlich mit seinem Rüssel zuwinkte,

wie es auf Zarke eben üblich war. Was sie stattdessen sah, war das erste Menschenfoto, das Zarke untergekommen war, als er anfing, die Erde zu studieren: Ein junger Che Guevara, mit Bart, wehendem Haar und einer verwegen ausgefransten Uniform, in deren Brusttasche ein undefinierbares Blümchen steckte.

„Wos sand denn sie firana?“ hatte die Bäurin gefragt, nachdem sie die Verwüstung im Garten genug be-weiat hatte, aber der automatische Übersetzer in Xyvkos Ohr piepte nur „error“. Er fütterte den Übersetzer mit Gedanken an die freundlichste mögliche Begrüßung und der Bitte, das Gesagte zu wiederholen, weil er kein Wort verstanden hatte. Zufrieden hörte er die sanften Worte aus seinem irdischen Mund.

„Einen wunderschönen guten Tag sehr geehrte gnädige Frau. Würden Sie die Güte besitzen, sich zu wiederholen, ich fürchte, ich habe Sie nicht richtig verstanden.“ – Die Stirn der Alten runzelte sich bedenklich, als sie die Augen zusammenkniff und lospolterte: „Wüst du mi verorschen du bleda hund? Mein Gmiasgoaten host ruiniert, und hiaznd redst so bled daher, die gaunzen Paradeisa san hin, die Bonschotten ah, dei oide Rostlaubn steht auf de Ruabm, des zoist! Verstehst? Des zoist!“

Das Error-Piepen in Xyvkos Ohren hörte gar nicht mehr auf, obwohl der Übersetzer 80 Erdsprachen mit hunderten Unter-Dialekten perfekt übersetzen konnte. Zumindest hatte der Verkäufer das behauptet. Erschrocken projezierte Xyvko schnell große Augen und einen traurigen Mund auf seine Erd-Erscheinung, was laut intergalaktischen Ethnologiedatenbanken besänftigend auf Erdfrauen wirken sollte. Verbal beschloss er, sich kurz und präzise auszudrücken. „Verstehe nicht“. Er senkte den Kopf, auf der Erde eine Geste der Demut, wie er gelernt hatte. Unvorbereitet war er nicht. Die Bäurin zeigte sich dennoch nicht sehr besänftigt. „A drübiga. Des hob i no braucht.“ murmelte sie grimmig, und Xyvko bekam langsam Kopfschmerzen vom Piepsen des Übersetzers. Dann hob sie den Zeigefinger und zeigte auf den Garten. „Kaputt!“, schwenkte den Finger vor Xyvkos vermeintlichen Brustkorb und setzte genau so resolut hinzu: „Bezahlen!“

Das immerhin konnte der Übersetzer übersetzen, was Xyvko allerdings auch nicht weiterhalf. Der Energie-Materie-Wandler war ein Teil der verschmorten Flugmaschine, und projezierte Uniformen haben dummerweise nichts in den Taschen. „Kein Geld“ war daher die einzige Antwort, die er geben konnte, wiederum: mit großen Augen und demütig gesenktem Kopf. Die Bäurin schloss die Augen und schüttelte den Kopf. Dann drehte sie sich einmal im Kreis, um die Zerstörung ganz genau in Augenschein zu nehmen. „Wenn kein Geld, dann Arbeiten bis gut. Verstehst?“ Sie zeigte wieder auf den Garten und auf Xyvko, aber der Tonfall schien etwas versöhnlicher. Möglicherweise war es aber auch Resignation, so genau hatte Xyvko die menschlichen Reaktionen vorab nicht studieren können. „Arbeiten“, er nickte zustimmend, was die Alte vollends beruhigte. Bis wieder gut, dachte er bei sich, viel weniger zustimmend. denn während der Gemüsegarten für menschliche Verhältnisse durchaus überschaubar schien, war es für einen Wissenschafter vom Planeten Zarke, der sich noch nie in das natürliche Wuchern einer Vegetation eingemischt hatte, ein undurchdringlicher Dschungel.

„No?“ ermunterte ihn die Bäurin, und er begann verwirrt, an den zerzausten grünen Stengeln zu zupfen. „Doch ned a so!“ Die Bäurin führte ihn am Uniformärmel zu einem Schuppen, der mit allerlei Xyvko völlig unbekanntem Gerät voll war. Vor dieser Blamage bewahrte ihn vorerst ein unendlicher Lärm, der sich als um die Ecke biegender Traktor erwies. Der Bauer, der längst keiner mehr war, weil die Felder verkauft oder verpachtet waren – den Traktor hatte er aus sentimentalen Gründen behalten – kletterte umständlich herunter, ließ den Wortschwall seiner Frau über sich ergehen und kommentierte nur am Schluss: „Den Oiden Goaten herrichten? Do braucht des Zniachtl jo bis Weihnachten!“ Xyvko, der bei „Wei“ schon zusammengezuckt war, hörte verblüfft das herzliche Gelächter des Alten. Der Bauer schaute nun genauer auf den Schaden, besonders auf die verbogene Blechmasse. „Woa des a oida Puch? Schod drum, Bua!“ Er klatschte dem verblüfften Xyvko, in dessen OPhr es schon wieder piepste, die Hand auf die Schulter und lenkte ihn damit in Richtung Haus. „Kumm erscht amol essen, sunst foisd uns no zsamm.“ Statt der erwarteten Gefangenschaft setzte man den nun völlig verwirrten an den Küchentisch, wo schon eine Schüssel dampfenden Eintopfs stand.

Hätte Xyvko an diesem Tag schon alles verstanden, was geredet wurde, dann hätte er gewusst, dass die junge Kathi mit dem Baby im Tragtuch, die für den Eintopf gesorgt hatte, ein Kind vom Bauernbub bekommen hatte, bevor sich der sang- und klanglos nach Thailand davon machte. „… auch mal was vom Leben haben….“ war in dem Brief gestanden, der jetzt halb verblichen am Kühlschrank klebte. Und dass sie alle drei, Kathi, das alte Bauernpaar, und möglicherweise das Baby auch, von Herzen hofften, den Jungbauer spätestens zu Weihnachten wiederzusehen. Aber Xyvko verstand nicht, und zudem war er reichlich damit beschäftigt, die seltsame Nahrung durch seinen projezierten Mund in seinen tatsächlichen Körper zu befördern.

[Hier fehlt eine Geschichte der Missverständnisse, die Reparatur des Gemüsgeartens und der Brief vom Buam mit seiner thailändischen Braut]

Mittlerweile war es Dezember geworden, und Xyvko gehörte längst irgendwie zum Haus. Anfangs hatte er nach der großen weiten Welt gedürstet, aber dann hatte er gemerkt, dass die Welt ohnehin ins Haus kam. Der Fernseher lieferte Tag und Nacht Bilder und Informationen, und auch mit dem Computer, den der Bub dagelassen hatte, hatte sich Xyvko angefreundet. Da er nur eine Stunde Ruhezeit am Tag benötigte, konnte er mehr davon aufsaugen, als er je für seine Forschungen verwenden könnte. Also, falls das Mutterschiff ihn überhaupt wieder finden würde. Dieser Gedanke macht ihm schon viel weniger Angst als am Anfang. Zum Ruhen hatte er sich in den ersten Nächten im Kasten versteckt, da es ihm unmöglich war, seine Projektion währenddessen aufrecht zu erhalten, mittlerweile aber schlief er mit allen 3 Beinen und 5 Armen sehr gemütlich im Daunenbett. Das Anfangs erschreckende Wort Weihnachten indes kam immer öfter und in immer verwirrenderen Kombinationen vor. Informationen zu Geschichte, Tradition und Herkunft waren zwar aus dem Internet leicht zu erhalten, aber all das erklärte nicht die gespaltenen Emotionen, die die Erdlinge diesem offenbar immens wichtigen Datum beimaßen. So hatte der Bauer grimmig erklärt, den Weihnachtsbaum dieses Jahr ausfallen lassen zu wollen, was zu einem gewaltigen Streit mit seiner Bäurin geführt hatte. Auch als die Kathi den Adventkranz ins Haus brachte, polterte er: „Zu was brauch ma des Graffl“, worauf die Kathi das Gestrüpp fallen ließ und weinend in ihr Zimmer verschwand. Abends aber, als am leicht lädierten Kranz die erste Kerze angezündet wurde, saß auch der Bauer lammfromm dabei, summte mit den Weihnachtsliedern und zeigte Xyvko, wie man die schwierigen Walnüsse knackte. Als die Schwägerin mit den mittelgroßen Kindern vorbeikam, redeten die über nichts anderes als die Geschenke, die sie haben wollten und bekommen würden. Nur der Größere murmelte etwas von kapitalistischen Beschwichtigungsritualen. Er war auch der einzige, den die irdische Gestalt von Xyvko an etwas zu erinnern schien, doch da der Außerirdische nach etwas Genörgel der Bäurin sowohl Bart als auch Haupthaar deutlich gestutzt projezierte, kam er nicht auf die revolutionäre Quelle der Ähnlichkeit.

Und dann war es Weihnachten. Tatsächlich, stellte Xyvko fest, war das Fest vor allem ein großes Fressen. Also außer dem Weihnachtsbaum und den Socken in seinem Päckchen, denn optisch steckten nackte Füße in seinen Schuhen, was die Damen des Hauses wohl zu diesem originellen Geschenk ermuntert hatte. Und da der Bauer nicht geizig mit dem Schnaps umging, überraschte Xyvko die Familie bei den Weihnachtsliedern mit einem sanftrauchigen Bariton, der der Bäurin gar ein Tränlein ins Auge trieb. Xyvko wunderte sich, dass sich das Erden-Rauschmittel so kompatibel mit seiner außerirdischen Physiognomie erwies.

Eine weitere verwunderliche Kompatibilität fand Xyvko, als es später in der Nacht leise und doch bestimmt an seiner Türe klopfte. Schlaftrunken und etwas benommen kümmerte er sich gerade noch rechtzeitig um seine Projektion, um der behende unter die Decke schlüpfenden schnapsmutigen Kathi einen makellosen Revolutionärskörper zu präsentieren. Das folgende irdische Paarungsritual erwies sich auch für den Außeriridischen als durch und durch leidenschaftlich.

Allerding auch ermüdend. Unversehens war er danach in den Ruhezustand gekippt, nur von einem erschrockenen „Was bist du?“ wieder geweckt zu werden. Im Dämmer gelang ihm die Projektion nur halb, und er murmelte „Entschuldigung“, während seine überzähligen Körperteile durch die irdische Haut schimmerten. Kathi rieb sich verblüfft die Augen, doch der schnapstrunkene Weihnachtsfrieden hielt. „Is jo wuascht.“, sagte sie schließlich, „I mog di.“ und schlief ein. Plötzlich fühlte sich Xyvko so wie beim Sprung ins weiße Meer, daheim auf Zarke, warm und geborgen, und das Leben schmeckte wild-süß nach Waldmeister mit einem Hauch von Vanille, und er dachte: „Ah. Das ist also Weihnachten.“

Standard

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.