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Weia, Weia, Weihnachten

Weihnachten aus Alien-Sicht, geschrieben für die „etwas andere“ Weihnachtslesung der Szene Margarethen am 1. Dezember 2016 im Perchtenstüberl.

Als Xyvko zum ersten Mal das Wort „Weihnachten“ hörte, dachte er, es wäre etwas furchtbar Schlimmes passiert. Das Wort klang in seinen außerirdischen Ohren nämlich verdächtig ähnlich wie das ungläubig-verzweifelte „Weia, Weia, Weia!“, das die alte Bäurin ausgestoßen hatte, als sie die Verwüstungen sah, die Xyvkos Raumschiff beim Absturz im Gemüsegarten hinterlassen hatte. Weiterlesen

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Märchen, kontemporär

Aber als der edle Ritter endlich die Prinzessin traf, als er seine Rüstung ablegen und sich salben und höfisch kleiden wollte, um bei ihr den rechten Eindruck zu erwecken, da musste er feststellen, dass die Schilde nach so langer Zeit im Kampfe mit seiner Haut fest verwachsen waren. Und er setzte sich hin und überlegte, ob es denn der Mühe wert sei, die Schilde abzureissen, sich selbst zu verwunden, nur um dieses neue Leben zu beginnen, von dem er nicht wusste, ob es ihm überhaupt gefallen würde. Sollte er nicht besser bei dem bleiben, was er konnte, was er kannte?

Und wenn er nicht gestorben ist, dann überlegt er heute noch.

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Sieben Jahre Unglück

Die Spiegel waren schuld. Dessen waren sie ganz sicher. Die Scherben trieben hilflos auf dem bleigrauen Meer und riefen einander zu: Die Spiegel haben uns zerbrochen! Die Spiegel!

Wie aber wieder ganz werden, in einer Spiegelwelt? Die Schnitte konnten gar nicht so schnell heilen, wie neue entstanden. Die Menschen spiegelten bunt, der Himmel: Ein riesiger grauer Spiegel. Sogar das Meer, dunkel und unfreundlich, wurde zum Spiegel, wenn man zu lange hinsah.

Es ist nicht passiert, klirrten die Scherben einander zu. Wir haben niemals in diesen Spiegel geschaut: Das ist unsere einzige Chance!

Natürlich hörten sie nicht aufeinander. Sie trieben weiter, von Spiegelbild zu gespiegeltem Spiegelbild, in immer kleineren Fetzen. Dann noch ein Gedanke, ein letztes winziges Flackern in einem hellen scharfen Splitter. Dann nichts mehr.

Ein Spiegel zerbrochen von Spiegeln. Eine schillernde Endlosschleife im Meer der Vergangenheit.

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nacht, elektrisch

Veröffentlicht in „Lose Blätter

an den ecken und kanten meines schlafes warten sie, kleine spitze stromstöße, machen mich für sekundenbruchteile hellwach. im wiederversinken lauern gesichter, vorwurfsvoll, traurig. ich habe doch nie etwas versprochen, sträube ich mich. ihre enttäuschung ist stärker. da bleibt keine hoffnung und keine zweite chance. ich habe versagt: meine träume sind in die jahre gekommen. das hätte man von mir nicht gedacht. auch ich hätte mehr von mir erwartet, um ehrlich zu sein.


leise beginnt es zu regnen. ein boot voller elfen legt an meiner bettkante an. sie beginnen mich zu zerlegen. setzen mein sonnengeflecht als segel. kitten mit meinem thalamus ihr zerbrochenes steuer. schneiden die hälfte von meinem herzen heraus, es wird bei flaute den hilfsmotor antreiben. dazu ist es stark genug. ein auge ein ohr ganz oben am mast: sie messen den wind.

dann drehen die lichtgestalten ab. ein teil von mir ist jetzt wieder da draußen. immerhin.

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Same Shit

Still sitze ich Stunde um Stunde vor dem Bildschirm, der Tag vergeht, viele Tage sind vergangen, viele Tage werden vergehen. Still sitze ich Stunde um Stunde vor dem Bildschirm. Still sitze ich Stunde um Stunde vor dem Bildschirm und arbeite. Arbeite für mich, reihe Buchstaben, Wörter, Sätze aneinander, scheinbar endlos, immer wieder, immer noch. Still sitze ich Stunde um Stunde vor dem Bildschirm und arbeite. Arbeite für Geld, damit der Strom nicht abgedreht wird, damit ich die Miete bezahlen kann, die Telefongebühr, das Essen für mich und meine Katze. Still sitze ich Stunde um Stunde vor dem Bildschirm und informiere mich. Lese, was die anderen geschrieben haben, um nicht unterzugehen im schnellen Zeitenstrom damit ich vorne mit dabeisein kann damit ich Geldverdienen kann damit ich Essen, Wohnung, Strom und Telefon bezahlen kann damit ich Schreiben kann. Still sitze ich Stunde um Stunde vor dem Bildschirm. Still sitze ich Stunde um Stunde vor dem Bildschirm und spiele, weil das Wetter zu kalt ist zum Hinausgehen, weil gerade kein Buch im Haus ist, weil es jetzt sowieso schon zu spät ist um etwas anderes zu tun. Still sitze ich Stunde um Stunde vor dem Bildschirm.

[Datum ungefähr]
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Winter

Mein Gott, wie ich den Winter hasse! Die Zeit, in der du, sobald du vor die Haustüre trittst, reflexartig den Kopf zwischen den Schultern wiederfindest, anstatt 20 Zentimeter darüber, wie es sich für einen freien und stolzen Menschen gehören würde. Die Zeit, in der du jeden Tag eine Massage brauchen könntest, weil du die Schultern bei den unaufschiebbaren Erledigungen so hoch gehoben hast, daß du vor lauter Krampf nicht mehr gerade gehen kannst. Die Zeit in der du nichts riechst, weil es zu kalt ist, nichts hörst, weil du den Schal bis über die Ohren gezogen hast, und nichts siehst, Weiterlesen

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