Les-Bar

Kurzes Bühnenstück

Die Bühne ist fast dunkel. Quer davor ist ein dünner, weißer Vorhang gespannt. Hinter dem Vorhang eine indifferente Figur, man ahnt sie zunächst mehr als man sie sieht. Sie tanzt langsam, fast wie in Zeitlupe, zu einer unhörbaren Musik. Ganz langsam blenden zwei Scheinwerfer auf, ebenfalls hinter dem Vorhang. Rechts ein blauer und links ein orange-roter. Die Figur tanzt weiter, bis die Scheinwerfer ganz aufgeblendet sind.

Indifferente Figur: (sie hat sich im gut konturierten Schneidersitz hingesetzt) Was fehlt, ist die Lust. Am Leben. Am Sein. An der Liebe. Das überschäumende Glück. Die Einzigartigkeit. Nicht, dass das Leben nicht schön wäre. Aber es ist so ruhig schön. So harmlos schön. So leicht schön. Es fehlt die Schwerkraft. Es fehlt die Erde zum Himmel. Die Raupe zum Schmetterling. Es ist alles so einfach. Viel zu einfach. Es fehlt die Frage zur Antwort. Die Nacht zum Tag. Es fehlt das Meer zum Strand und es fehlt das Gestern zum Morgen.  Die Gitarre zum Bass. Es fehlt die Wüste zum Wasser. Zum Glück fehlt die Angst. Zum Lachen fehlen die Falten. Die Figur hat laut zu reden begonnen und ist während des zögernden Monologs immer leiser geworden. Sie spricht weiter, doch versteht man nicht mehr, was sie sagt. Von ganz weit rechts kommt das Geräusch von Schritten, hohe Absätze auf Kopfsteinpflaster. Die Schritte werden lauter, während die nun wortlose Stimme immer und immer leiser wird.

Die Vernunft: (sie ist es, der die hohen Absätze gehören. Sie kommt aus dem blauen Licht rechts vor den Vorhang und geht fast bis zur Bühnenmitte, aber so, dass man links hinter ihr die sitzende Silhouette noch gut sehen kann. Sie spricht frontal ins Publikum) Natürlich. Man nennt das Reife. Erwachsenwerden, wenn man so will. (Von links haltloses Kinderstimmengekicher. Die Vernunft wartet schweigend, ohne eine Regung, bis die Stimmen verklungen sind.) Die meisten sind froh darüber. Meistens. Immer froh sind die Anderen. Wer braucht schon alte Wilde. Junge Wilde sind irgendwie rührend. Alte Wilde sind einfach nur peinlich. Deshalb sind die Anderen immer froh, wenn diese Phase eintritt. Und oft, sehr oft, müßte man sagen: Wenn sie ENDLICH eintritt.

Kasperl: Unbemerkt von der Vernunft hat sich von links Kasperl herangeschlichen, unter “leise-sein”-Gestik und Grimassen. Jetzt steht er direkt hinter ihr, schwingt den Knüppel und schreit mit Falsetto-Stimme Du bist das Krokodil! Du bist das Krokodil! (Er schlägt mit seiner Keule auf die Vernunft ein, die ihn mit einer Hand abzuwehren versucht. Zwei Hände für einen Kasperl zu brauchen, wäre unter ihrer Würde. Eine Zeitlang schleichen sie so umeinander, es wirkt fast wie ein Tanz)

Die Vernunft: Das ist mir jetzt aber wirklich zu blöd! (Dreht sich um und will abgehen, bekommt aber in der Drehung einen Schlag von Kasperls Knüppel an den Kopf, fällt um und bleibt sehr hingestreckt liegen.)

Kasperl: Kichert erst, schaut sich dann aber erschreckt um, ob ihn vielleicht jemand beobachtet hat. Versteckt hastig den Knüppel hinter dem Rücken, als er die Figur hinter dem Vorhang sieht. Geht rückwärts schleichend ab, ohne Publikum oder Figur aus den Augen zu lassen, den Knüppel hinter dem Rücken, den Zeigefinger an die Lippen gelegt. Als er weg ist, zieht am oberen Rand des Vorhangs der Schatten eines Flugzeugs vorbei. Man hört das typische Geräusch des Motors.

Indifferente Figur: (Hat die ganze Zeit leise, murmelnd weitergeredet und wird jetzt wieder lauter) Es fehlt der Sonnenuntergang zum Wein. Die Tränen hinter dem Lachen fehlen wie die Wasserflecken auf den alten Fotos. Es fehlt der vertraute Kratzer auf der Lieblingsschallplatte. (Einzelne Stimmen – sehr verschiedene Stimmen, männliche, weibliche, junge und alte – beginnen, Sätze von ihr aufzugreifen und zu wiederholen. Die Körper zu den Stimmen kommen ohne Verbindung zueinander zu zeigen von allen Siten auf die Bühne spaziert, setzen sich teils hin, gehen teils auf und ab, ein hübsches Durcheinander. Erst sprechen sie nur in ihren zögerlichen Pausen, während sie weiterspricht immer unbeschränkter, die Einzelstimmen verdichten sich zum Chor, der ihre Sätze durcheinandergewürfelt, während sie weiterspricht, der Chor wiederholt, betont anders, bis er die eigentliche Stimme völlig überdeckt.) Es fehlt das Schnurren zur Katze. Das Rauhe zum Weichen. In der Wiese fehlt der Stein.

Es gibt zu viele Bücher für den Abend. Es gibt zu viele Gläser für den Wein. Es ist zu viel Sicherheit in unseren Gesten. Die Neugierde ist erzwungen. Wunder sind greifbar wie niedliche Welpen. Die Tage sind gezählt, die Nächte haben uns verloren. Es fehlt die Angst, die nach Mut verlangt. Es fehlt der Donner zum Blitz. Der Matsch fehlt auf den Reifen. Es fehlt die kalte Luft rund ums Lagerfeuer. Zur Wahrheit fehlt die Lüge. Es fehlt der Polster unter dem Traum.

Während die Figur weiterspricht, die Worte jetzt völlig vom Chor überdeckt, beginnt es hinter dem Vorhang zu regnen. Die Figur steht auf, streckt die Arme in einer lächerlichen großen Geste dem regnenden Himmel entgegen und schweigt jetzt. Auch der Chor schweigt, wie abgeschnitten, während sich das Licht verändert: Die farbigen Scheinwerfer verblassen unter dem Aufstrahlen eines einzigen weißen Lichts, das direkt hinter der Figur plaziert ist. Vor dem Vorhang wirkt sie nun wie die Statue einer Göttin. Die Vernunft versucht sich aufzurichten, stöhnt auf, und sinkt wieder in die liegende Position.  Der Chor läuft zusammen und stellt sich im Halbkreis links und rechts von der Figur auf, wodurch das statuenhafte noch stärker betont wird. Halb zum Publikum, halb zur Figur gewandt, wiederholt der Chor noch einmal ihren gesamten Text, wobei der Vortrag immer schneller, leiser und monotoner wird. Als es still ist, beginnen die Scheinwerfer ganz langsam zu verblassen. Bis es dunkel wird, hört man verschiedenste Stimmen aus dem Chor zusammenhanglose Sätze sagen, mit einer Betonung als fände ein Gespräch statt, etwa so:

– Hast du die Zeitung gelesen?

– Auf meinem Rock ist ein Kaffeefleck.

– Ich liebe dich.

– Aber der Riesling, der war letztes Jahr besser.

– Ich muss noch einkaufen gehen.

– Ob er sie wohl gefickt hat?

– Das ist also dein neuer Wagen.

– Hörst du mir überhaupt zu?

– Ja richtig, im Künstlerhaus.

– Aber die Augen, weißt du? Diese Augen…

– Es ist schon wieder nichts im Fernsehen.

– Und stell dir vor, er hat zu heulen begonnen.

– Dieses Kleid? Mit der Figur?

– …

Je dunkler es wird, umso mehr verdichten sich die Sätze, bis es sich zum Schluss anhört wie der Geräuschpegel in einem gut besuchten Lokal. Der Vorhang fällt.

Standard

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.