Einen Morgentraum, der abends immer noch im Kopf ist, muss man niederschreiben

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Es ist ein winterverschneites Tal irgendwo in den Bergen. Ein kleines Dorf, dazu temporäe Zelte und Hütten, um dem Ansturm standzuhalten. Es soll nämlich einen Ball geben. Für die Mädchen aus der Schule der großen Stadt ist der Ball sehr wichtig, er ist der Trennungsstrich zwischen Kindheit und Erwachsensein. Der Ball besteht aus drei Abschnitten: Zuerst müssen die Mädchen in weißen Anzügen ein Schirennen fahren, danach in klassischen (und gebrauchten) Kleidern alte Tänze aufführen, und schließlich dürfen sie in ihrer eigenen Kleidung weitertanzen und Spass haben. Ich bin nur zufällig dort, oder, genauer gesagt, weil am nächsten Tag das große Flugzeug zum Springen kommen soll. Im Schnee stelle ich mein Zelt auf, es ist ein großes, orientalisches Wohnzelt mit allem Komfort. Andere SpringerInnen sind schon da oder trudeln nach und nach ein. Gemeinsam amüsiert beobachten wir die aufgescheuchten Mädels, von denen immer mehr auch in unser Zelt drängen, weil das Garderobenzelt hoffnungslos überfüllt ist.

Ich helfe den Gören, Namensschilder an die Kleider zu nähen und Taillen-Weiten anzupassen [nicht, dass ich in der Wirklichwelt nähen könnte] und denke dabei, wie seltsam es ist, dass diese versnobten Kids die alten, ausgebleichten und abgewetzten Karo-Kleider tragen werden. Aber so verlangt es die Tradition.

Die Sonne knallt auf den Schnee, aber nur hell, nicht sonderlich warm. Mit dem Herrn Trurl nehme ich ein Mittagessen an einem der Stände, wir trinken ein Bier dazu und lästern über die “aufgescheuchten Stadt-Mädels”. Dann kommt der Lastwagen mit unserem Springer-Equipment. Ich kontrolliere mein Gear und bin sehr zufrieden, dass der Reserve-Repack samt bestellter Modifikationen wunschgemäß durchgeführt wurde. Endlich sitzt mein Plüsch-Elch am Schultergurt! Es sieht richtig süß aus. Nur Der Dunkle mokiert sich, mal wieder.

Dann kommt das Gerücht auf, dass das Flugzeug heute schon kommen soll – denn morgen müsste es schon ganz woanders sein. Ich bin sehr erbost. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich zum Mittagessen kein Bier getrunken! Es ist die erste Gelegenheit zum Springen seit langer Zeit, und wahrscheinlich auch die letzte für lange Zeit. Fieberhaft suche ich in meinem Zelt nach der Blutalkoholspiegel-Tabelle und versuche auszurechnen, wann ich frühestens wieder einsteigen darf. Ich tue mir seltsam schwer dabei.

Der Herr Trurl nimmt’s lockerer, er möchte ohnehin erstmal Musik hören. Auf der Suche nach CDs verschwindet er im Getümmel. Eine Lautsprecherdurchsage verkündet, dass das Schirennen gleich beginnen wird. Alles strömt Richtung Piste. Mein Zelt steht nahe des Zieleinlaufs, und als der Sprecher die erste Läuferin ankündigt, schaue ich hoch. In einem knallengen weißen Anzug springt sie über die Kante, wunderschönes Bild gegen den winterblauen Himmel; erst als sie wieder am Hang landet, frage ich mich, warum die Anzüge denn weiß sein müssen: vor dem Schnee sieht man sie kaum.

Die Läuferin stürzt vor dem vorletzten Tor und schlittert unter lauten Schmerzensschreien den Zielhang herunter; ich möchte nichts damit zu tun haben, fühle aber die Verpflichtung, erste Hilfe zu leisten.  Als sie knapp vor dem Ziel-Transparent zu liegen kommt, laufe ich los, aber sie springt auf, wirft ihre Stöcke von sich und schreit: “Verdammte Scheiße, jetzt wird mich nie einer heiraten!” und beschimpft die Umstehenden: “Hättet ihr nicht wenigstens den Anstand haben können, wegzuschauen?”. Mit blutigen Knien hinkt sie in Richtung Garderobe.

Kopfschüttelnd flüchte ich in mein Zelt. Jemand hat einen Haufen der karierten Tanzkleider in einer Ecke abgelegt, und eins der Mädchen sucht verzweifelt nach einem Kleid in seiner Größe. Ich habe genug von diesem Zicken-Auftritt und werfe erst die Kleider und dann die Göre aus dem Zelt.

Das Flugzeug kreist über dem Talkessel, aber wegen der Menschenmassen findet es keinen Platz zum Landen. Das Flughuhn ruft an und fragt, ob ich nicht den neuesten CD-Sampler und eine Packung Schokoriegel gefunden hätte. Ich verspreche, nachzuschauen, und finde zumindest die Schokoriegel, womit der eben wiederkehrende Trurl sehr zufrieden ist. Die CD müsste ohnehin woanders sein, meint er. Er will schon wieder gehen, da kommt der Sufi in einem weinroten Samt-Sakko und baut seinen Stand auf. Es ist eine komplizierte Vorrichtung mit 3 Herdflammen und unzähligen Röhren und Gefäßen, die alle irgendwie miteinander verbunden sind. An einem Ende schüttet man Rum, Schlagobers, Hollersaft und Honig in 4 verschiedene Trichter; nach etlichen Erhitzungen, Misch-Behältern und Schüttel-Vorrichtungen kommt am anderen Ende in 4cl-Portionen ein spacig perlendes Mixgetränk heraus. Ich schaue fasziniert zu, der Herr Trurl probiert das Resultat und nickt anerkennend mit dem Kopf.

Warum ich denn mein kariertes Kleid noch nicht anhabe, herrscht mich eine Lehrerin-Matrone an. Ich habe damit nichts zu tun, antworte ich, ob sie denn nicht sehen kann, wie alt ich bin? Offenbar nicht, denn sie beschimpft den Sufi, der mir auch eine Kostprobe seines Gebräus reichen will, mit den Worten: “Junge Mädchen betrunken machen zu wollen, Sie sollten sich was schämen!”

Der Sufi zuckt die Schultern und trinkt sein Stamperl selber aus. “Wir sollten von hier verschwinden!” flüstere ich ihm zu. Will er aber nicht; er ist überzeugt davon, sich mit seinem Mixgetränk hier dumm und dämlich verdienen zu können.

Vom Flugzeug ist auch nichts mehr zu hören. Aus dem Himmelbett in meinem Zelt spähe ich durch einen Spalt im Zeltstoff auf die seltsame Szenerie. Jetzt, wo das Flugzeug verschwunden ist, weiß ich nicht mehr, was ich hier soll. Alle vertrauten Gesichter außer dem Sufi sind verschwunden, und der ist zu beschäftigt, um mich wahrzunehmen. Draußen wird es langsam dunkel.

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