Les-Bar

nacht, elektrisch

Veröffentlicht in „Lose Blätter

an den ecken und kanten meines schlafes warten sie, kleine spitze stromstöße, machen mich für sekundenbruchteile hellwach. im wiederversinken lauern gesichter, vorwurfsvoll, traurig. ich habe doch nie etwas versprochen, sträube ich mich. ihre enttäuschung ist stärker. da bleibt keine hoffnung und keine zweite chance. ich habe versagt: meine träume sind in die jahre gekommen. das hätte man von mir nicht gedacht. auch ich hätte mehr von mir erwartet, um ehrlich zu sein.


leise beginnt es zu regnen. ein boot voller elfen legt an meiner bettkante an. sie beginnen mich zu zerlegen. setzen mein sonnengeflecht als segel. kitten mit meinem thalamus ihr zerbrochenes steuer. schneiden die hälfte von meinem herzen heraus, es wird bei flaute den hilfsmotor antreiben. dazu ist es stark genug. ein auge ein ohr ganz oben am mast: sie messen den wind.

dann drehen die lichtgestalten ab. ein teil von mir ist jetzt wieder da draußen. immerhin.

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Les-Bar

Kurzes Bühnenstück

Die Bühne ist fast dunkel. Quer davor ist ein dünner, weißer Vorhang gespannt. Hinter dem Vorhang eine indifferente Figur, man ahnt sie zunächst mehr als man sie sieht. Sie tanzt langsam, fast wie in Zeitlupe, zu einer unhörbaren Musik. Ganz langsam blenden zwei Scheinwerfer auf, ebenfalls hinter dem Vorhang. Rechts ein blauer und links ein orange-roter. Die Figur tanzt weiter, bis die Scheinwerfer ganz aufgeblendet sind. Weiterlesen

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Hör-Bar, Les-Bar

Monolog

 

Ich habe aufgehört, mir Gedanken zu machen, sagte sie. Wozu auch? Wenn du nicht mehr glaubst, etwas verändern zu können, wozu dann darüber nachdenken? Da ist es schon besser, im Gras zu sitzen und in die Sonne zu blinzeln. Sie liess sich mit dem Sessel zurückkippen und wippte. Wie wir es damals in der Schule getan hatten. Sie schaute in den Himmel, obwohl da keine Sonne mehr war.

Ich sagte nichts. Weiterlesen

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seelensplitter

Nichts verstanden

Ein Lachen, das lieber Weinen sein möchte. Konzentration. Darf das Lachen nicht verlieren. Verliert das Lachen nicht. Ich kann nicht hinschauen. Kann nicht wegschauen. Die Worte, wenn man sie doch einmal braucht: alle falsch.

Nichts verstanden.

Gar nichts. Viel zuviel. Flucht.

Sorry.

Oder auch nicht.

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Annäherung.

(Ein Versuch über die Einsamkeit)

Es läutete. Nur mühsam konnte sie sich aus dem Traum befreien, der ihr vormachen wollte, das durchdringende
Geräusch sei eine Fahrradklingel. Sie wälzte sich aus dem Bett, tastete im Dunkeln nach ihrem Bademantel, verblüfft
und erschreckt davon, daß mitten in der Nacht jemand an ihrer Tür klingelte. Oder war es schon Morgen?
Ein Blick auf den Radiowecker zeigte ihr, daß ihr erstes Gefühl richtig gewesen war: Halb vier.
„Wer ist da?“, fragte sie, nachdem der Hörer der Gegensprechanlage ihr im Dunkeln fast aus der Hand gefallen
wäre. Stille, lange genug, um sie davon zu überzeugen, daß es nur der Streich irgendwelcher blöder Nachtschwärmer
gewesen war. Dann, als sie schon umdrehen wollte, dem Sog der weichen Bettdecken folgend, ein
Räuspern, … Weiterlesen

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Same Shit

Still sitze ich Stunde um Stunde vor dem Bildschirm, der Tag vergeht, viele Tage sind vergangen, viele Tage werden vergehen. Still sitze ich Stunde um Stunde vor dem Bildschirm. Still sitze ich Stunde um Stunde vor dem Bildschirm und arbeite. Arbeite für mich, reihe Buchstaben, Wörter, Sätze aneinander, scheinbar endlos, immer wieder, immer noch. Still sitze ich Stunde um Stunde vor dem Bildschirm und arbeite. Arbeite für Geld, damit der Strom nicht abgedreht wird, damit ich die Miete bezahlen kann, die Telefongebühr, das Essen für mich und meine Katze. Still sitze ich Stunde um Stunde vor dem Bildschirm und informiere mich. Lese, was die anderen geschrieben haben, um nicht unterzugehen im schnellen Zeitenstrom damit ich vorne mit dabeisein kann damit ich Geldverdienen kann damit ich Essen, Wohnung, Strom und Telefon bezahlen kann damit ich Schreiben kann. Still sitze ich Stunde um Stunde vor dem Bildschirm. Still sitze ich Stunde um Stunde vor dem Bildschirm und spiele, weil das Wetter zu kalt ist zum Hinausgehen, weil gerade kein Buch im Haus ist, weil es jetzt sowieso schon zu spät ist um etwas anderes zu tun. Still sitze ich Stunde um Stunde vor dem Bildschirm.

[Datum ungefähr]
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Lyrik

Nicht heute

Spiel heute nicht Gitarre
sing mir das Lied des Lebens
in bunten Farben
ohne Musik

Mal heute kein Bild
zeichne die Zeit auf
die wir noch haben
ohne Bleistift
beredt

Schreib heute keinen Text
sprich mir von deinem Sein
flüster mir Oden
auf den Bauch
ohne ein Wort

Sei heute Du
und nimm mein ich
unreflektiert
in deinen Sinn

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Winter

Mein Gott, wie ich den Winter hasse! Die Zeit, in der du, sobald du vor die Haustüre trittst, reflexartig den Kopf zwischen den Schultern wiederfindest, anstatt 20 Zentimeter darüber, wie es sich für einen freien und stolzen Menschen gehören würde. Die Zeit, in der du jeden Tag eine Massage brauchen könntest, weil du die Schultern bei den unaufschiebbaren Erledigungen so hoch gehoben hast, daß du vor lauter Krampf nicht mehr gerade gehen kannst. Die Zeit in der du nichts riechst, weil es zu kalt ist, nichts hörst, weil du den Schal bis über die Ohren gezogen hast, und nichts siehst, Weiterlesen

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