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Hände. Schritte.

Sie steht neben mir und flüstert. “Deine Hände, komm gib mir deine Hände”, im Tonfall eines Mantras, das seine Bedeutung längst verloren hat. Sie spricht nicht zu mir. Wir sind alleine. Ich habe eine Ahnung, wie er aussieht, der, zu dem sie spricht, blond ist er und froh und nicht ganz von dieser Welt. Nicht wie ein Engel: wie ein Bergbewohner vielleicht, oder ein Pilot, oder sonst jemand, der gewohnt ist, die Dinge aus der Entfernung zu betrachten.

“Komm, lass uns gehen” sage ich und will gar nicht. Einen Augenblick scheint es, als würde sie stattdessen auf das Brückengeländer steigen, ich sehe es, wie sie die Arme ausbreitet, der Wind in ihrem Haar, wie sie springt ohne zu fallen und davonfliegt stattdessen, Richtung Osten, wo bald die Sonne aufgeht.

Sie steigt nicht. Sie springt nicht. Sie fliegt nicht. Sie lächelt ein kleines Lächeln, als wüsste sie genau, was ich denke, greift fast nach meiner Hand, geht dann neben mir, Richtung Süden. Dort, wo bald die Sonne aufgeht, wird der Himmel schon rot. “Ich bin du” sagt sie und spricht jetzt doch zu mir. “Nein.” sage ich.

Von dort, wo bald die Sonne aufgehen wird, kommt ein Schwarm Vögel. Sie zwitschern hell, es klingt wie das Glitzern von Sonne auf einem kleinen Bach. Sie fliegen über uns, drehen einen Halbkreis. Es sieht aus, als würde der Schwarm über uns stehen. Dann verschwinden sie, Richtung Stadt.  “Ich bin eine Schwalbe” sagt sie. “Nein.” sage ich, und dann: “Außerdem waren das keine Schwalben, sondern etwas anderes. Stare vielleicht. Oder Finken. Keine Ahnung.” Sie denkt nach. “Ich bin.” sagt sie dann.

Das kann ich stehenlassen. Als wir das Ende der Brücke erreichen, legt sich der Wind. Der wunderbare Wind, der nach Wasser schmeckt und nach der Ferne. Ich möchte umdrehen, aber wir gehen weiter. Richtung Stadt. Es wird langsam heller. Die Straßen sind leer. “Weißt du noch”, sagt sie, es ist keine Frage. “Was?” – “Früher”, sagt sie, “früher.”

Früher waren die Straßen niemals leer. Früher war es immer Nacht. Eine gute Nacht, eine bunte Nacht. Eine laute Nacht. Jetzt ist es ganz still. Nur das leise Kratzen unserer Schuhe auf dem Asphalt. Ich bleibe stehen, sie dann auch. Es ist ganz still.

“Kalt!” sagt sie, und ich nicke. Eine Kälte, die anders ist als die Abwesenheit von Wärme. Weiß wie Schnee. “Komm, lass uns gehen”, sagt sie, und wir gehen. An fremden dunklen Fenstern vorbei. Unsere Schritte kratzen auf dem Asphalt. Die Straßenlampen gehen aus, als das Licht in die Stadt kriecht. “Zum Bahnhof?” fragt sie. “Wir könnten die Züge anschauen und so tun, als würden wir in den Süden fahren. Wir könnten…, wir könnten in den Süden fahren.” – “Den Bahnhof gibt es nicht mehr.” sage ich. Die Schritte kratzen. Sie flüstert. Ich höre ihre Worte kaum, aber ich kenne sie. Ein Text zur Percussion ihrer Schritte. Die Hände. Die Hände ohne Namen.

Mir scheint, ich bin zu grob gewesen. “Sei nicht traurig”, sage ich. “Ich bin nicht traurig.” sagt sie. “Es gibt immer einen Bahnhof. Irgendwo.”

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Summer in the City

Sonne bis in die letzten Winkel der verlassenen Sonntagsstadt. Es riecht nach heißem Asphalt. Das Alleinsein atmen, das Schweigen genießen. Fenster an Fenster an Fenster die Häuser, Glas und Beton, dahinter nur noch Grün und Luft. Es bellt, zwitschert und krächzt am Rande der Großstadt. Ab und zu ein Golfball-Aufprall. Zu trocken zum Rauchen, und doch. Jetzt immer weiter gehen, aus dem eigenen Leben hinaus, in kein fremdes hinein. Leichter werden und davonschweben, Luftballon ohne Leine : bald nur noch ein Punkt . am Horizont

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Ende ohne Anfang

Ein Motor des großen Flugzeugs hustet schwarzen Rauch. Die Kamera kühl in meiner Hand, kühl aber schwer. “Sie müssen jetzt umkehren…” aber sie kehren nicht um. Schießen, ohne sich um den brennenden Motor zu kümmern. Erde spritzt auf, kleine Steine. Ein scharfer Schmerz, mein Arm ist fremd geworden. Ich ziele mit der Kamera, als könnte sie uns retten. Eine winzige Blume, Wüstenblume, blüht neben deinem Schuh. Mein Kopf ganz leicht. Gleich lege ich mich zu dir.

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Schöner fremder Plan

Ein kleines Stück Strand zwischen Cafe und Lagerhallen… die Wellen grau und kühl… weit draußen ankert die Sonne… warmes Licht und Stimmengewirr aus dem offenen Fenster… der Tross zieht vorbei… in den alten Hallen moderne Büros, groß und hell… Zeichentische… am Gang, ich suche ein Telefon… eine Hand auf meiner Schulter, die Stimme… “ach, Unsinn, schau mich doch an”, meine Frisur in einem Spiegel… “es ist nicht deine Frisur, es ist…” man ruft nach ihm… Lippen, zum ersten Mal… flüchtiges Siegel… unmöglich! – kein Zweifel mehr… das Telefon ruft in die andere Stadt… Zwielicht in der Limousine… allein mit diesem Bild auf meiner Haut… später, beim Hafenfest vielleicht… es gibt Zeit…

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pixelhölle

Wie viele Fotos geknipst werden pro Minute, pro Sekunde, auf der Welt. Gefrorene Momente, stapelweise, containerweise, jeder einzelne Moment für immer angehalten, festgehalten: verhext. Auf wie vielen Fotos geistert ein Gesicht durch die Welt, der Schatten eines Gesichts, die Ahnung eines Gesichts? Gestohlene Seelen gepresst in Alben, komprimiert in Ordnern, namenlos, wehrlos. Ein Schaudern, jedesmal wieder, ein unbekannter Mensch, ohne Vergangenheit, ohne Zukunft, für ewig gefangen in einem unbedeutenden Moment.

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nass

und dann beginnt es zu regnen / kleine tropfenexplosionen auf dem fluss vermehren sich schnell / haare kleben im gesicht aber nicht mehr kalt fast nicht / wie das riecht / sonnenwarmer waldboden und flussand / nass / wie das wasser uebers gesicht laeuft ganz ohne traenen / hinter dem regenschleier passieren zwei schiffe / spaziergaenger fluechten unter daecher und versichern einander wie wichtig dieses nass ist und wie gut / jetzt sogar ein blitz und es grollt hinterher / eine radfahrerin mit sonnenbrille im haar erschrickt und lacht / wintergeschlagenes holz leuchtet auf unter der zarten beruehrung des regens / ein flusskiesel findet den weg in die tasche / alles will beruehrt werden / ertastet

wie gross diese welt sein kann / und wie gut

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body

konzentrieren wir uns auf das wesentliche, meine damen. was ist denn schon dabei, wenn man den kopf verliert. mit dem kopf kommen wir ohnehin nirgends hin.

hoechstens durch die wand. und das tut weh.

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durch

da muessen wir. koste. es. wolle/n. oder nicht.

dahinter. nach. wird alles besser. man sehen. die sonne scheinen. da/durch/ koennen wir. muessen wir. werden wir.

dann sehen.

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