Blaulicht im Zwielicht

Der heutige Spaziergang brachte die Erkenntnis, dass das Knie immerhin mit den unvermeidlichen Schneerutschereien klarkommt. Da ich ohnehin etwas besorgen musste, ging es heute in Richtung Mariahilferstraße. Bei der Gelegenheit gleich einen Blick auf die diversen Ausverkäufe geworfen. Ein Trend scheint deutlich: Je billiger etwas aussieht, umso teurer wird es verkauft.

Beim H&M erzählt mir eine Dame ungefragt, dass sie heute leider einen Baumwollpullover anhat, und dass man leider über einen solchen keinen Blazer anprobieren könnte. Sie erzählt mir das so, als würden wir uns seit 100 Jahren kennen. Sie erzählt auch, warum sie einen Baumwollpullover anhat und noch mehr eher weniger Spannendes aus ihrem Leben. Sie sieht völlig normal aus (im Gegensatz zu der deutlich geistig Behinderten beim Spar letztens, die mir ebenso selbstverständlich ihre Lebensgeschichte erzählt hat).

Ich erinnerte mich, wie ich früher gelacht habe, als regelmäßig völlig Fremde zu Dorian kamen und ihm – kaum dass er 5 Minuten irgendwo allein stand oder saß – alles, aber wirklich alles aus ihrem patscherten Leben erzählten. Ich kann nur hoffen, dass ich dieses nervenschädigende Karma nicht irgendwie über zwei Ecken übernommen habe.

Draußen im Schneegestöber wieder geschützt von der geräumigen Daunenkapuze meiner geräumigen Daunenjacke, stimmt, ich sehe aus wie ein verirrter Polarforscher. Aber ich habe es trocken und warm. Die Straßen sind eher leer, bis auf die Taxis, die Geschäfte auch. So lasse ich mir die Stadt gefallen.

Eine Demo rutscht auch vorbei, wieder Mal wird die Bildung in einem gar nicht mehr aufsehenerregenden Sarg zu Grabe getragen. Arme Kids; zu unserer Zeit konnte man zumindest noch davon ausgehen, dass der Mann mit der Videokamera von der Stapo war. Heutzutage steht an jedem Eck einer mit einer Videokamera, und die meisten davon sind Touristen. Ziemlich cool die Auffahrt der blaubelichteten Polizistenwagen, bis ich die Handschuhe ab und die Kamera aus der Innentasche habe, ist es aber vorbei.

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