Bachmannpreis 2021 – Tag 2

Leander Steinkopf. (Leander, so heißen doch sonst die Figuren, nicht die Autoren?) Schon im Anfang haben wir Craftbeer, ironisch getrunken. Ah, es ist die Hochzeit seiner Ex mit einem anderen. Liebesweltschmerz. Bobo disst Bobos (und alle anderen). Ich mag nicht einmal ein Zitat aussuchen.

Die Jury redet sich den Text schön.


Anna Prizkau erzählt von „Frauen im Sanatorium“, und die Ich-Erzählerin ist eine von ihnen. Es ist eine zarte Geschichte vom Aus- und Einwandern, die sie, wie es scheint, vor allem dem Vogel erzählt. Ich höre ihr gerne zu, würde auch den Roman fertiglesen, wenn es denn einer wäre, aber ob der Text nach Klagenfurt passt, da bin ich nicht ganz sicher.

Zu Hause gab es Tschebureki, und alle fünf Minuten klopfte es an unserer Tür. Die Gäste tranken, weinten,
gingen, nahmen etwas mit: die Vasen, das Regal, die Töpfe, meinen Nymphensittich. Zwei
Nachbarn aus dem Dritten trugen sogar das alte, schöne Sofa raus. Wir saßen auf dem Boden. Die
Wohnung war jetzt leer und die orangefarbenen Tapeten hatten dort, wo vorher Bilder gewesen
waren, dunkle Flecken. Mein Vater küsste meine Mutter. Sie tranken abwechselnd aus unserem
letzten Kristallglas süßen Sekt, die anderen Gläser waren weg.

Kastberger ist nicht begeistert, Wiederstein ortet zu viele Klagenfurt-Themen. Kaiser ist begeistert und meint schon wieder, niemand außer ihr habe den Text verstanden. (Kastberger disst später treffend: Eine Möglichkeit, warum ein Text komplex ist, ist, dass Vea Kaiser ihn komplex findet.) Tingler (hat eingeladen) findet eine große lakonische Eleganz. Insa Wilke analysiert kühl und treffend.


Verena Gotthardt liest „Die jüngste Zeit“ vor einem Regal voller Fotoapparate. Bin schnell verliebt in die Aussparungen des Textes, an das nicht Geschriebene, nicht Gelesene, das man trotzdem mithört. Große Sprachzärtlichkeit, changierende Generationen. Fehlende Verben.

Ein junges Mädchen, ganz Kind. Grüne Farbe hinter den Ohren und unter den
Füßen. Läuft den Hügel hinunter und rollt und rollt. Kommt unten an, ganz erwachsen

Bin versucht, die Jurydiskussion auszulassen, werde aber eher positiv überrascht.


Lukas Maisel liest langsam und bedeutungsschwer „Anfang und Ende“. Es ist die furchtbar langweilige Tristesse der Beziehungsanbahnung im 21. Jahrhundert. Als ich einmal in den ersten 3 Minuten lachen muss, glimmt die Hoffnung auf, dass sich alles ins Parodistische wendet, aber nein: Danach nur noch Cringe.

In der Jury spürt immerhin Kastberger auch die quälende Langeweile, die mich befallen hat, gibt dann aber allen recht, auch Vea „grandios!“ Kaiser. Wiederstein findet die neue Biederkeit. Tingler (hat eingeladen) lobt den großen Topos und den Umgang damit und reagiert beleidigt, als Kastberger ihm das abspricht. Schwens-Harrant findet, der Text spricht schubladisiert über die Schubladisierung, und Tingler ist noch immer beleidigt.


Fritz Krenn liest eine bissige Parabel auf den Literaturbetrieb, im alten Grazer Forum Stadtpark Stil, müsste ich eigentlich mögen, mag ich aber nicht. Immerhin ein ziemlich lebendiger Vortrag, das hat heuer bisher noch gefehlt.

Die Jury bemängelt historische Ungenauigkeit, die Kastberger (hat eingeladen) als Stilmittel verteidigt: Man wisse nie, was man glauben dürfe und was nicht.

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